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Full text of "Ammianus Marcellinus und die Eigenart seines Geschichtswerkes"

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DENKSCHRIFTEN 

DEB 

KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN IN WIEN 

PHILOSOPHISCH- HISTORISCHE CLASSE. 



BAND XLIV. 





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AMMIANÜS MAßCELLINUS 



UND 



DIE EIGENART SEINES GESCHICHTSWERKES, 



EINE UNIVERSAL-HISTORISCHE STUDIE 



TON 



MAX BUDINGER, 

WIBKLICHEM MITGLIEDE DER KAIS. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



WIEN, 1895. 



IN COMMISSION BEI CARL GEROLD'S SOHN 

BUCHHINDLER DER KAISERLICHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN. 



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Dr;:ck roa Adolf Holi^Asstn. 
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Vorwort. 

Die nachfolgenden Untersuchungen sind, wie die im neununddreissigsten Bande dieser 
Denkschriften abgedruckten über ,Poesie und Urkunde bei Thukydides', in einer doppelten 
Absicht geführt worden. Sie sollen zainächst den Schriftsteller und sein Werk mit mög- 
lichster Vollständigkeit kennzeichnen, dann aber auch beider Stellung in dem universal- 
historischen Zusammenhange der Begebenheiten erkennen lassen. Wenn ich damals den 
grössten Genius geschichtlicher Wissenschaft in sein richtiges Licht zu bringen suchte, so 
habe ich diesmal nur einen begabten, nicht glücklichen, ungemein fleissigen, mit wenig 
Kritik ausgestatteten historischen Schriftsteller des ausgehenden griechisch-römischen Heiden- 
thums vorzuführen, welcher den Uebergang zu den erheblicheren Geschichtschreibem des 
christlichen Mittelalters nach verschiedenen Seiten erleichtert. Seine Betrachtung hat mich 
jedoch schon zu Ausblicken genöthigt, welche nicht eben den Wünschen des Lebenden 
entsprechen würden. 



Erstes Kapitel. 
' Nachahmung. 



Ammianus Marcellinus war der letzte auf uns gekommene heidnische Geschichtschreiber 
in lateinischer Sprache. Er ist auch als einer der letzten Nachahmer derjenigen anzusehen, 
welche die Universalhistorie unter römischer Einwirkung forlgebildet haben. In den ob 
auch lückenhaft auf uns gekommenen, die Jahre 353 bis 378 umfassenden Theilen seines 

DenkBchriften d«r pMl.-hiflt. Cliwse. XLIV. Bd. Y. Abb. 1 



2 V. Abhandlung: Max Büdinger. 

Werkes, den achtzehn letzten seiner einunddreissig Bücher, die er schlechthin ,Thaten' 
oder jKriegsthaten' (res gestae) genannt hat, tritt eine Absicht der Nachahmung jener be- 
deutenden Vorgänger nicht sofort hervor. Es schien sogar, vollends da von den dreizehn 
früheren, die Jahre 96 bis 353 umfassenden Büchern nichts von Erheblichkeit erhalten 
ist, als lasse sich durchaus nicht sagen, ob er irgend welcher Muster oder Vorbilder ge- 
dacht habe.* 

Seine abspringende Art der Darstellung bringt gelegentlich ganz persönliche Lebens- 
erinnerungen, Schilderungen einer grossen Zahl von Ländern und Völkern, Erwähnungen 
von Sitten, Staatsordnungen, Hervorbringungen der Kunst und Literatur, merkwürdigen 
terrestrischen und astronomischen Thatsachen oder auch Einbildungen; immerhin verweilt 
er am liebsten bei Kriegsbegebenheiten. Diese lose, ganz subjective und nicht selten nur 
technisch-militärische Behandlung des Stoffes erinnert zunächst an einen so bedeutenden 
Förderer der Universalhistorie wie Polybios.* Ob er aber diesen gelesen hat, ist doch 
sehr zweifelhaft; die einzige uns vorliegende Erwähnung desselben geht nur auf eine ge- 
lehrte Reminiscenz des Kaisers Julianus.^ Diodor und Trogus Pompejus, bei denen er 
ebenfalls so viele Belehrung, bei beiden auch über die von ihm selbst so eingehend be- 
handelten Gebiete und Sitten Asiens, finden konnte, lässt er, und wohl nicht nur in den 
auf uns gekommenen Theilen des Werkes, ganz unerwähnt. Auf Sallust's Historien be- 
zieht er sich einmal (XV 12, 6); wie stark er ihn verwerthete, zeigt die Thatsache, dass 
selbst von den auf uns gekommenen Fragmenten des Werkes sich sechzehn Stellen bei 
Ammianus als entlehnt haben erweisen lassen.* 

Eher Hess sich vermuthen, dass er, etwa im Eingange seines ersten Buches, von den 
beiden Historikern gesprochen habe, an deren Werke das seinige sich anschloss, wie er 
ja am Schlüsse desselben bemerkt, mit ,dem Principate des Kaisers Nerva' begonnen zu 
haben. In den erhaltenen Büchern erwähnt er freilich weder Tacitus noch Suetonius, welche 
eben bis zu des Kaisers Domitianus Ende oder Nerva's Erhebung ihre Darstellungen ge- 
führt hatten. 

Dass er Sueton nicht als seinen Vorgänger gelten lassen moclite, dessen Werk er 
fortgesetzt habe, lässt sich aus der Verachtung schliessen,^ mit welcher er des Marius 
Maximus, also gerade des Historikers gedenkt, welcher seinerseits als Suetonius' Fort- 
setzer, mit Kaiserbiographien von Nerva bis Septimius Severus oder einen der nächst- 
folgenden Herrscher, unter seinen Zeitgenossen gelten wollte. Ammianus sieht in der Leetüre 
dieses Schriftstellers, zugleich mit Juvenal, ein charakteristisches Zeichen für die Müssig- 
gänger der römischen Gesellschaft seiner eigenen Zeit, für Leute, welche Wissenschaften 
wie Gift verabscheuen.® 



^ Martin Hertz, Aulus Gelllus und Ammianus MarcelUnus (1874, Hermes VIH 267 bis 30*2), hat für Ammianus' Kenntnis» 
und Verwertfaung römischer Literatur ein überaus reiches Material geliefert, auch von Hugo Michael noch 1874 in dessen 
Breslauer Dissertation die zahlreichen Beweise der Benützung Cicero^s mit einer Uebersicht S. 43 bis 47 zusammenstellen lassen. 

' Vgl. meine ,Univer8alhistorie im Alterthume' (1895) 87 bis 98, dazu 201. 

' Legerat enim, Aemilianum Scipionem cum historiaram conditore Poljbio Megalopolitano Arcade et trigiuta militibus portam 
Carthaginis impetu simili subfodisse. XXIV 2, 16 ed. Gardthausen (bibl. Teubneriaua 1874/75), welche Ausgabe ich benutze. 

* V. Gardthausen, Conjectanea Ammianea (Kiliae 1869), S. 36 und ,Die geographischen Quellen Ammians* (Leipzig 1873), 
8. 43 bis 46. 

^ Johann Jakob Müller, Der Geschichtschreiber L. Marias Maximas (in den von mir herausgegebeneu Untersuchungen zur 
römischen Kaisergeschichte 1870, IH) 4 f. 

^ Quidam detestantes ut venena doctrinas, Juvenalem et Marlum Maximum curatiore studio tegunt, nulla Volumina praeter 
haec in profundo otio contrectantes, quam ob causam non judicioli est nostri. XXVIII 4, 14. 



Ammianus Marcellinus und die Eiobnart seines Gbschichtswsrkes. 3 

Um so sicherer ist, dass unser Autor sich als Tacitus' Fortsetzer betrachtete. Eine 
eingehende Prüfung hat — wie ähnlich bei der von Ammianus' jüngerm Zeitgenossen 
Salpicius Severus im Jalire 403 publicirten Chronik^ — das Resultat ergeben, dass ganze 
Satzstücke aus Tacitus' verschiedenen, uns erhaltenen Schriften, den Dialogus ausgenommen, 
geschöpft worden sind. Aus Agricola's Lebensbeschreibung liegen wohl nur drei oder vier 
Beweise vor, aus dem Buche über die Germanen gar nur zwei, aus den sogenannten 
Annalen auch nur vier oder fünf; schon diese Beweise genügen, um Ammian's Beschäftigung 
mit Tacitus ausser Zweifel zu stellen. 

Nun schloss sich aber sein eigenes Werk gar nicht an die eben genannten taciteischen 
Schriften an, sondern an die vierzehn — nach einer neuem, von mir keineswegs getheilten 
Meinung: zwölf — Bücher der Historien, welche die Jahre 69 bis 96 behandelten; von 
diesen sind uns blos die vier ersten Bücher und der Anfang, vielleicht etwa ein Drittel, des 
fünften erhalten ; dennoch haben sich aus diesen wenigen Büchern bei Ammianus Mar- 
cellinus fünfzehn Satztheile sofort und einige andere mir selbst ergeben.* 

Auch in der ungleichmässigen chronographischen Vertheilung des Stoffes findet man 
das taciteische Muster der Historien einigermassen befolgt. Bis fast in die Hälfte des 
vierten Buches werden von Tacitus die im ersten begonnenen Begebenheiten des Jahres 69 
fortgeführt, im fünften bringt uns die mangelhafte Ueberlieferung noch nicht zum Ende des 
Jahres 70. Die sechzehn folgenden Jahre sind also, wenn in der Fortsetzung des fünften 
Buches noch das Jahr 71 erreicht wurde, in neun — oder nach jener andern Meinung in 
sieben — Büchern erledigt worden. Ammian hat sich denn auch, vermuthlich nach diesem 
Muster, grosse Freiheiten und üngleichmässigkeiten der Darstellung in Bezug auf die zeit- 
liche Anordnung der Begebenheiten erlaubt.^ In den verlorenen dreizehn ersten Büchern 
hatte er — wie schon oben S. 2 bemerkt wurde — die Geschichten von zweihundert- 
siebenundfünfzig Jahren, vom Herbste 96 bis zur Bewältigung der Streitkräfte des Usur- 
pators Magnentius am 10. August 353, geführt; die übrigen Begebenheiten dieses letzteren 
Jahres werden dann doch noch im vierzehnten Buche behandelt, und mit dem Ende des fünf- 
undzwanzigsten gelangt er erst zu des Kaisers Jovianus Tod am 17. oder 18. Februar 364. 

Während er also in dem verlorenen Theile des Werkes durchschnittlich etwa zwanzig 
Jahre in jedem Buche behandelte,* führte er seine Darstellung in den zwölf ersten uns 



^ Jakob Bemays, ,Ueber die Chronik' — eigentlich genannt: a mundi exordio libri dao — ,de8 Sulpicins Severus* (1861) an 
verschiedenen Stellen, darunter die merkwürdigste S. 67 in der ,Universalhi8torie im Alterthume* S. 200 mitgetheilt ist. 

* Eduard Wolfflin, »Stilistische Nachahmer des Tacitus* im Philologus XXIX 567 bis 560. Auf den Seiten 559 und 560 hat 
Arnold Gerber die Ammianbeweise geliefert; zu dessen 14 aus den Historien hat WOlfflin noch einen 15. gefügt: adulta 
nocte in den Historien III 28 und bei Ammian XIV 2, 9. Hieher gehören auch Ammianus XXXI 16, 9 s. f.: aetate 
doctrinis florentes, wie Historien II 81 : florens aetate formaque und die fünf am Ende dieses Kapitels erörterten Satztheile. 
Endlich bemerkt noch WOlfflin im »Literarischen Centralblatte' 1871, S. 1086 in XXVUI 2, 12: varia et longinqua petere: 
Tac. Agricola 37 und Annalen XV 11: longinqua et avia repetivere. 

' Hugo Michael (vgl. oben S. 2, Anm. 1), ,Die verlorenen Bücher des Ammianus Marcellinus' (Breslau 1880, 82 Seiten, 8°) 
hat mit nicht eben erheblichen Argumenten nachzuweisen gesucht (S. 15, 23, 28, 29), dass die dreizehn verlorenen Bücher 
nur die Zeit von Constantinus des Grossen Tode an (Mai 387) umfasst hätten, die Darstellung von Nerva an einen ersten 
nicht minder grossen Theil bildete. — Der von ihm versuchte Nachweis (S. 24 f.), Tacitus sei von Ammianus für ,chrono* 
logische Reihenfolge' verwendet worden, ist ihm ebenfalls nicht geglückt. — Verdienstlich aber ist S. 6 bis 8, 11 bis 15 
die Ergänzung der von Gardthausen I, p. 1—4 zusammengestellten Rückweise auf die dreizehn verlorenen Bücher in Am- 
mianus* achtzehn erhaltenen. 

* Ich halte es für durchaus unwahrscheinlich, dass das erste Buch mehr als Nerva's und Trajan*B Regierung — also etwas 
über die im Texte vermutheten zwanzig Jahre — enthalten habe. Vollends den auf Hadrian^s und Severus* Thaten gehenden 
Satz aus XXII 16, 1 hätte Gardthausen um so weniger hieher ziehen sollen, als Ammianus ausdrücklich hervorhebt: stricüm 
itaque, quoniam tempus videtur hoc flagitare, res Aegyptiacae tanguntur, über welche er in actibus jener beiden Kaiser 

1* 



4: V. Abhandluno: Max Büdinobr. 

erhaltenen Rollen oder Bänden nur durchschnittlich nicht ganz ein Jahr weiter. In den 
sechs letzten Biichem gelangt er über den 9. August 378, als den Tag der Schlacht von 
Adrianopel, hinaus vielleicht zum Ende des Monats; es umfasst also dieser Schlusstheil 
etwa fdnfzehnundeinhalb Jahre, so dass auf jedes Buch durchschnittlich dritthalb Jahre 
kommen. Und diese spätere Vertheilungs weise des Stoffes mag mit den letzten, oben 
erwähnten zehn Büchern der taciteischen £l[istorien stimmen. Die Behandlung von des 
Kaisers Julianus letzter, bis zum 26. Juni 363 reichender Regierungszeit, also eben dieser 
Hälfte des Jahres 363, in zweiundeinhalb Büchern, dem drei-, vier- und fünfundzwanzigsten 
konnte der Autor wohl nach Tacitus' ebenfalls erwähntem Verfahren in den ersten Büchern 
seiner Historien als gerechtfertigt ansehen. 

Es wird später bei Prüfung von Ammianus' historiographisclier Urtheilskraft, speciell 
zu Beginn der Erwägung seiner Personalschilderungen ^ zu erörtern sein, wie er taci- 
teischem Vorbilde in den Charakteristiken der Kaiser nach den Berichten von ihrem Tode 
gerecht zu werden suchte. Wie sehr er sich an dieses Muster hielt, dürfte — neben der 
Aneignung von Satztheilen desselben, dem Versuche einer ähnlichen chronographischen 
Oekonomie und den Schilderungen verstorbener Kaiser — eine weitere seltsame Thatsache 
ergeben. Die Anfangs- und Endworte eines jeden der uns erhaltenen Bücher Amimian's 
werden ohnehin Kennern taciteischer Redeweise als Nachahmungen derselben, wenn auch 
nicht gerade sehr gelungener Art erschienen sein. Nun besitzen wir aus den sogenannten 
Annalen nur zehn Anfangs- und neun Schlusssätze, aus den Historien fünf der ersteren, 
vier der letzteren. Und doch ergeben sich folgende Uebereinstimmungen oder Reminiscenzen 
in Anfangssätzen. 

Ammianus Tacitus 

XXI Intercluso hac bellorum difficili sorte Historien IV: Interfecto Vitellio bellum magis 

cet. desierat cet. 

XXII Dum haec in di versa parte terrarum Historien II: Struebat iam fortuna in diversa 

fortunae struunt cet. parte terrarum cet. 

XXIII Haec eo anno . . . agebantur cet Historien V: Ejusdem anni principio . . . age- 

bat cet. 
XXVni Dum apud Persas^ cet. Annalen XV: Interea rex Parthorum* cet. 

und in einem Schlusssatze: 

XXIV . . . quod diu squalidius videbatur. Annalen IH: . . . quod effigies eorum non 

visebantur 

Zweites Kapitel. 
Verhältniss zu 



Wir sind über die allmähliche P^ntstehung des uns jetzt vorliegenden Textes von Am- 
mianus^ Werk in durchaus authentischer Weise unterrichtet. Ein dies feststellender Brief 
wurde schon im Jahre 1636 von dem noch jetzt als vorzüglichster geltenden Herausgeber 



ausführlich gehandelt habe, yisa pleraque narrantes. Wie wäre dies möglich gewesen, wenn Hadrian's Regierung noch 

ausser der Trajan^s nach Nerva behandelt wurde! 
^ Siehe unten: fünftes Kapitel, §.2. 
' Ammianus gebraucht sonst beliebig den Parthemamen für die Perser. 



Ammiakus Margellinus und die Eigenart seines Gesghichtswerkes. 5 

Ammian's^ in der Vorrede zu dessen Edition, wenn auch nur zu drei Viertheilen, mitgetheilt. 
Der Brief enthält die erwünschte, eben von Heinrich Valois schon bei der Publication ge- 
bührend gewürdigte Aufklärung. 

Dieses bemerkenswerthe Stück ist von dem gefeiertsten Rhetor der Zeit, von Libanios, 
geschrieben, welcher über die Grenzen und die Lehrstätte seiner Heimath Antiochia hinaus 
auch das gebildete Publicum der anderen bedeutenderen Städte des Reiches, namentlich aber 
das stadtrömische zu beurtheilen in der Lage war. Abgesehen von seinem wiederholten 
langem Aufenthalte als Lernender und Lehrender in Athen, Nicomedia und Constantinopel, 
hatte er in vertraulichen Beziehungen zu dem Kaiser Julianus gestanden und nach dessen 
Tode bis in die Neunzigerjahre des vierten Jahrhunderts, also vielleicht über Libanios' 
achtzigstes Lebensjahr,* Beweise der grössten Hochachtung durch hohen Rang und Besuche 
der nächst den Kaisern in der Osthälfte des Reiches gebietenden PersönUchkeiten erhalten. 

Durch einen erstaunlich umfassenden Briefwechsel blieb er stets über den Stand der 
literarischen und politischen, einigermassen auch der religiösen Bewegungen dieser geistig 
überaus inhaltvollen Zeit unterrichtet. Er selbst hielt sich den alten Götterculten treu, 
ohne doch die auch in Antiochia sehr zahlreichen Christen, trotz gelegentlicher Ausfälle 
auf dieselben, zu offener Feindschaft zu treiben. Er betrachtete es als einen an ihm selbst 
geschehenen Raub von Seiten des Christenthums , wenn einer seiner Schüler zu demselben 
übertrat. Besonders empfindlich war ihm, als er etwa sechsundfünfzig Jahre zählte, dass 
der wahrscheinlich begabteste, gewiss aber feinfühligste seiner antiochenischen jüngeren 
Mitbürger und Schüler um das Jahr 370 Christ wurde; es ist der als Johannes Chry- 
sostomos, Erzbischof von Constantinopel, so viel gefeierte und so kläglich im Exile um- 
gekommene Kanzelredner, Interpret und Polemiker.' Noch sterbend soll Libanios ihn als 
geeigneten Nachfolger in seiner Rhetorenthätigkeit bezeichnet haben, wenn ihn eben nicht 
die Christen geraubt hätten.* 

Es mag doch hier, um Libanios' urbane Formen zu würdigen, erwähnt werden, dass 
er einen etwa sechzehn Jahre jüngeren seiner Studiengenossen und wohl auch seiner Zu- 
hörer in Athen und Constantinopel, den Gründer der orientalischen Klosterregeln Basileios, 
als dieser in ihrer Correspondenz das religiöse Gebiet betrat, artig zurückzuweisen wusste. 



^ Vgl. den Anhang. 

* Geboren 314 n. Chr. G. R. Sievers, Leben des Libanius (1868) 207 f.; 202, 85 £f.; 135 ff.; 292 f. Unechte Briefe 294 f. 

' Seine Werke in dreizehn Foliobänden 1718 bis 1738 opera et studio D. Bemardi de Montfaucon, monachi O. S. B. e con- 
gregatione S. Maori, opem ferentibns alüs ex eodem sodalitio monachis. Der illustre Herausgeber feiert in der Widmung 
an den Cardinal Albani eben Jobannes Chrysostomos mit begeisterten Worten. Von lutherischer Seite will ich die Be- 
rühmung aus dem jetzt vergessenen und kaum übertroffenen »HA^dbuch der allgemeinen Geschichte der christlichen Kirche 
YOD Dr. Heinrich Philipp Konrad Henke (und Dr. Joh. Severiu Vater, Braunschweig 1825) I 113* mitthellen: ,Ein Mann 
von herrlichen Geistesgaben und liebenswürdigem Charakter; von dem es zu wenig gesagt ist, dass ihm in der Bered- 
samkeit und Auslegungskunst, nicht blos keiner von seinen Zeitgenossen, sondern überall kein Lehrer der alten Kirche 
gleichkam.* Mit gewohnter Meisterschaft hat im Jahre 1779 Gibbon (The decline and fall of the Boman empire. Halifax 
1848) U, chap. 32, p. 316 bis 320 Leben und Charakter desselben geschildert; Tillemonf s devote Schilderung des Heiligen 
und seiner Thaten im eilften Bande der M^moires ecclesiastiques (Venice 1732) S. 1 bis 405 behandelt er mit achtungs- 
voller Nachsicht. 

* Hermiae Sozomeni historia ecciesiastica interprete Valesio ed. Beading (Cantabrigiae 1720) Über VIH, c. 2, p. 32: Aißd^ioc . . . 
^v(xa l[ji£XXs tsXeuxav, icuvOocvoiiivcov t(ov ImtijSsicov, t(c «vt^ aO-cou ^tcor, X^yctai lotowYjv eJmiv, et (ifj Xpivttovot toutov louXfiaav. Die 
mit sonstigen Citaten oft wiederholte Nachricht geht eben schlechterdings nur auf Sozomenos und auch bei diesem (X^yerai) 
nur als Gerücht, spätestens des Jahres 439, zurück. Die Nachricht ist von Montfaucon in der Einleitung (I, erste Seite) 
als sicher angenommen, aber nach zwanzig Jahren im XHI. Bande in der umfassenden Biographie des Heiligen S. 91 bis 
177 überhaupt nicht erwähnt worden. Tillemont a. a. O. S. 6 hatte Sozomenos' zweifelnden Bericht, dem auch ich einen 
Platz im Texte anwies, mit einem mildem Ausdrucke über den Baub (enlev^) wiedergegeben. 



6 V. Abhandlung: Max BOdingkr. 

Basilius bemerkte nämlich neben Ausdrücken höchster Bewunderung des berühmten Redners 
von Antiochia, er selbst sei^ mit Moses und Elias und anderen seligen Männern zusammen, 
jwelche aus ihrer Barbarensprache' — er meint die hebräische — ,uns ihre Gedanken mit- 
theilen^ Libanios aber erwiedert in einem Briefe von ebenso ausgesuchter Höflichkeit, Basilius 
möge sich den von ihm besprochenen Büchern, welche schlimm zu lesen, aber besser an 
Inhalt seien, nur hingeben, und daran hindere ihn Niemand. ,Von unseren Büchern aber, 
welche auch firUher die Deinigen waren, bleiben die Wurzeln und werden sie bleiben, so 
lange Du etwa existirst; keine Zeit dürfte sie jemals ausreissen, magst Du sie auch am 
wenigsten benetzen.'« Trotz seiner Mässigung in der Zeit der Christenbedrängniss unter 
dem Kaiser JuUanus und gelegentlicher, christlicher Lehre entnommener oder entsprechender 
Aeusserungen, bricht doch zuweilen bei ihm ein tiefer Groll gegen das Christenthum als 
eine mit hellenischer Anschauung unverträgliche Institution hervor.' 

Zu Ammianns^ Biographie. 

Libanios' Beziehungen zuAmmianus MarcelKnus dürften mit Rücksicht auf das Alters- 
verhältniss ähnliche wie zu Basileios gewesen sein. Unser Geschichtschreiber bemerkt 
nämlich am Schlüsse seines in den Neunzigerjahren des vierten Jahrhunderts abge- 
schlossenen Werkes, er wolle die Fortsetzung ,an Alter und Kenntnissen Blühenden** über- 
lassen; anderseits erzählt er in dem ersten der uns erhaltenen Bücher (XIV 9, 1), dass 
er im Jahre 353 in Nisibis dem dortigen Höchstcommandirenden zugetheilt war, und zwar 
mit Anderen (nos) auf kaiserlichen Befehl; aus dem folgenden Jahre erfahren wir dann 
(XV 5, 22), dass er demselben Feldherrn für eine geheime und gefährliche Mission nach 
Köln mit neun anderen Herren, tribunis et domesticis protectoribus , zugewiesen wurde; 
es ergibt sich aber seine Zugehörigkeit zu der letztem Classe der hochgestellten Leib- 
gardisten aus dem Zusätze: unter diesen zehn sei auch er gewesen ,mit dem CoUegen 
Verennianus', welcher später (XVIII 8, 11) ausdrücklich als domesticus protector bezeichnet 
wird. Nun haben schon Claudius Chifflet und dann Heinrich Valois bemerkt, dass er 
sehr jung* in diese aus erprobten, älteren Kriegsleuten,^ wie wir sagen: Officieren, gebildete, 
zunächst zum besonderen Schutze der Kaiser bestimmte Truppe aufgenommen wurde, 
aus welcher nach Julianus^ Tode dessen, nur neuerlich zu einem höheren Range in 
derselben avancirter, Nachfolger Jovianus hervorging. Ammian bemerkt selbst' zum 
Jahre 357, dass er zu den jüngeren Leuten dieser Garde gehörte, welche eben jenen 

^ 'AXX* ^(A£rc (jiv, CD OdR)|jidS9i6, M(o9Er xat 'HX(a xat xoXi o5t(o (utxapCoic olvSpimv oGveofisv 2x tyj( ßapßapou (die Bedeutung h&tte keine 
Zweifel erregen sollen!) ^cov^^ StoXrjfOjiivoic ^{jiiv la lauTiuv. Libanii sophistae epistolae Graece et Latine ed. Johannes Chri- 
Btophoros Wolfius. Amstelaedami 1738. Epistola 1184, p. 720. Die Echtheit dieses basilianischen Briefes gibt zu Anfech- 
tungen keinen Anlass. 

* BißX((ov |iiv o3v (ov ^( c7vai (i.^ X^^P^ "^^ ^&v, a|A£{y(i> Si r^v Stivoucv S^ou xal oO$Et( xcoXuel Tcov 8i ^{ievlpcov \th oEt, 9<ov Bs icp^- 
tspov, a\ pKou. [jivouo{ tc xai fiEvouatv, ha^ Sv ^$, tmX ouSd; (JtijnotE aOta^ Ixtipioi XP^^i ^' ^ ijxiata &p8oic. Ep. 1186, p. 721. 

' Sievers, Leben des Libanius. S. 14, 15, 121 bringt entsprechende Citate. 

^ Scribant reliqua potiores, aetate doctrinisque florentes. Die Tacitus-Reminiscenz wurde oben S. 3, Anm. 2 notirt Eutro- 
piuB* vorletzter Satz — nam reliqua stilo minore dicenda sunt — dürfte Ammianus* Nachahmungstalent gereizt haben, wie 
denn aus Eutropius gar manche Lesefrucht gefiftllen sein dürfte; die über Jovianus* Tod wird im zweiten Paragraphen des 
vierten Kapitels erOrtert Gardthausen, Geographische Quellen S. 26, hat wohl zuerst Entlehnungen aus Eutropius bemerkt. 

' admodum adolescens: Chifflet p. LXXXVH (Wagner I) und Valois* Vorrede zu Beginn. Vgl. den Anhang. 

* Proveetis e consortio nostro ad regendos milites natu majoribus, adulescentes eum sequi jubemur. XVI 10, 21. 

^ Ammianus XXI 16, 20, XXV 5, 4. — Die Aufnahme unter die protectores domestici als besondere Belohnung verfügt Kaiser 
Julianus für den gehorsamen Leontios (ed. Hertlein 1876) p. 502 1. 81 und erbittet vor 394 Symmachus von Ricomer 
für einen Veteranen als ,pretium long! laboris' (ed. Seeck 1883 M. G. H. Auctorum antiquissimomm t. VI pars prior) p. 91. 



Ammianüs Marcbllinus und die Eigenabt seines Geschightswerkes. 7 

Commandirenden wieder nach Asien zu begleiten hatten. Er war in die Reiterabtheilung ^ 
eingereiht, wie er denn oft genug seiner Actionen zu Pferde gedenkt und bei seinem Ent- 
rinnen aus dem von den Persem erstürmten Amida hervorhebt, dass er an lange Märsche 
zu Fusse nicht gewöhnt sei; er gedenkt dabei, wie zur Erklärung dieser Thatsache, seiner 
freien oder guten Herkunft.' Was den Kaiser Constantius bewog, dem jungen Antiochener 
eine so bevorzugte Stellung zu gewähren, ist unbekannt. Bei Johannes Chrysostomos, als 
dem Sohne des Truppencommandanten von Syrien,* würde eine kaiserliche Ernennung zu 
Gunsten des antiochenischen Jünglings nicht aufgefallen sein; welche Lebensstellung aber 
Ammianüs Marcellinu3' Vater einnahm, lässt sich nicht einmal vermuthen. 

Seine Beziehungen zu Libanios erhellen zunächst aus jenem schon im Eingänge dieses 
Kapitels erwähnten Briefe, welchen, wie ebenfalls dort bemerkt ist, Heinrich Valois im Jahre 
1636 zuerst in seiner Edition unsere« Geschichtschreibers publicirte; doch ist hier das letzte, 
für die persönlichen Beziehungen beider Antiochener wichtige Viertel des Briefes weggelassen » 
und erst im Jahre 1711 von Johann Christoph Wolf in dessen versuchsweiser kleiner Zu- 
sammenstellung von bemerkenswerthen Briefen des Rhetors* veröffentlicht worden. Ge- 
schrieben wurde derselbe im Jahre 390 oder 391, in welche Zeit das hier erwähnte 
Ableben von Libanios' einzigem Sohne fällt.* 

Das Schreiben ist in achtungsvoll freundschaftlichem Tone mit einer Art herkömmlichen 
Rechtes der Ermahnung * gehalten , unter Voraussetzung voller Kunde der eigenen 
Familienverhältnisse' und des in dem Kreise der gemeinsamen Bekannten Vorkommenden.^ 
Stark wird Ammianüs' Verpflichtung als Bürger von Antiochia hervorgehoben: die ihm in 
Rom zu Theil werdende Ehrung gilt auch den Mitbürgern,^ die er ziert 

Aus tiefer BetrUbniss, so dass seine Thränen auf das Geschriebene fliessen, erhebt sich 
der Rhetor zur Beglückwünschung des Mitbürgers, welcher sich nach den mündlichen Be- 
richten aus Rom Gekommener dort ein erhebliches literarisches Ansehen gewonnen hat. Hiebei 
erfährt man, dass Ammianüs' Werk ,in Vieles getheilt war^ — keineswegs blos in die uns 
vorliegenden Bücher oder gar die erst in der Neuzeit erfundenen Kapitel — ,und dass das 



^ Nach der ,notitia dignitatam* (ed. Otto Seeck 1876) Oriens XV, p. 39, Occidens XIU, p. 157 würde er unter den domestici 
eqnites rangiren. 

' cum . . . incedendi nimietate jam superarer ut insuetus ingenuus XIX 8, 6. Chifflet p. LXXXV meint: solet autem Mar- 
cellinas . . . ingenuos nobiles appellare; das wtisste ich nicht zu belegen, auch nicht die Worte in Heinrich Valois* erstem 
Satz: . . . genitus fuit parentibus ut conjicere est nobllissimis ; seine Aufnahme unter die Protectores in der Jagend soll 
das besonders beweisen: quo maxime arg^mento eins nobilitas deprehenditur. 

' Ejus pater magister militum Syriae fuit nomine Secundus. Montfaucon in Johannes Chrysostomos' Lebensbeschreibung, 
opera XTTI 91. Heinrich Valois bemerkt freilich im Beginne seiner Einleitung, um Ammianüs^ hohen Adel zu beweisen: 
ducum, comitum et magistrorum militarium filii in eam scholam (protectornm domesticorum) referebantur. Ammianas XIV 
10, 2 erwähnt, dass Herculanus ,protector domesticus, Hermogenis ex magistro equitum filius' dem Kaiser Constantius die 
ersten Nachrichten über des Cäsar Gallus Missregierang im Oriente brachte. 

* Libanii sophistae epistolarum adhuc non editarum centuria com yersione et notis J. C. Wolfii (Lipsiae 1711. 8.), p. 132 
bis 137. In der oben S. 6, Anm. 1 genannten Gesammtausgabe der Briefe von 1738 hat Wolf diesen Brief unter RUck- 
weis auf die frühere Edition als Nummer 983 auf Seite 460 f. wieder abdrucken lassen. 

^ Sievers a. a. O. 201. 

* (t^ 8^ TUMori totavT« (historische Darstellungen) ouvTtOsic xai xo{i(C(>^v ixsiOsv ü^ aruXXöyouc, ^rfik xa|ji7)c 6eni(jiaC^fiCvoc. 

^ Sc yotp 0^ {jLovo; ^v ^i&rv oO xaxb^ Ix (A7)rp^( ay^^^» ^^ H^4 (nach Wolf: aXka, was doch nur die Unfreiheit bestreiten soll) IXeu6ipac 
• . . TEuoactou. 

* o7tivs{ Se o\ }cpo3R)Xax{oo(vte{, KOp' Itipcav (iiv6«vs. — C^vto« 8s Eti xog xoxou (der Schmerz um den Tod des Sohnes), K«XXioicioc 
ix (ilocov fipTcötY?) ßtßXCcov xai n^vcov . . . xai x^P^ '^ ^^^ ^^^^ (Kalliopios' Kinder). 

* rauTi oO tbv avy^po^i« 7to9\uX (mvov, oXXa xai ^[aS; a>v iotiv 6 ou^ypcifeui;. — toioutov yap noXCtv]; si^oxiiicov xw^i tote «&toS t^v 
icoXiv nfjv lautou. 



8 V. Abhandlung: Max Büdinoer. 

Erschienene gelobt, ein weiteres Stück zur Publication gefordert wurde/ ,Ich höre, dass Rom 
selbst Dir Deine Arbeit kröne und das Urtheil über sie fillle, Du habest über die Einen 
gesiegt und seiest von den Anderen nicht überwunden worden.** Solche, vorwiegend freilich 
poetische, Vorträge sind bis in das ausgehende sechste Jahrhundert und manche auf dem 
Forum Trajanum, meist zur Bewerbung um Preise, gehalten worden. Das Urtheil des Rhetors 
ist im Vorigen wohl dahin zu verstehen, dass der vortragende Historiker über seine Fach- 
genossen der neuem Zeit zu stellen sei und mit älteren sich ganz wohl vergleichen lasse, 
wobei man vielleicht an sein Muster Tacitus zu denken hat, mit dessen Schriften wohl 
gar Mancher von Ammian's Zuhörern bekannt gewesen sein dürfte, wie sich aus der reich- 
lichen Benutzung bei dem Jüngern Zeitgenossen Sulpicius Severus vermuthen lässt. Die 
enthusiastische Lobpreisung Roms in den Eingangssätzen dieses Briefes: dass die Stadt ihres- 
gleichen auf Erden nicht habe, vorher die Beglückwünschung Ammian^s ob seines dortigen 
Wohnens und* Roms , ihn zu besitzen^ — das Alles mag noch als Höflichkeit hingehen. 
Aber der folgende Satztheil lässt sich nur als ironischer Scherz verstehen, da die alte Bürger- 
schaft von Antiochia auf ihre angeblich rein hellenische Abkunft besonders stolz war: ,Roma 
hält Dich nicht für geringer als ihre eigenen Bürger, deren Vorfahren göttliche Wesen 
waren*.* 

Unseres Geschichtschreibers Stellung wie Beschäftigung im Jahre 391 erhellt genügend 
aus Libanios' Zuschrift, und sie lässt auch Beider persönliche Beziehungen leidlich erkennen. 
Der Anfang ihrer Correspondenz scheint jedoch in das Jahr 359 zu gehören. Man wolle 
bei dieser wie den nächstfolgenden Erwägungen in Betracht ziehen, dass Ammianus' mili- 
tärische Verwendung nur in den Jahren 354 — 357,^ so weit unsere Kenntniss reicht, auf 
europäischem Boden statthatte , sonst aber nur in Syrien und den persischen Grenzgebieten, 
so dass ein brieflicher Verkehr mit dem Rhetor in Antiochia keine besondere Schwierigkeit bot. 

Diesem ist eben im Jahre 359 sein Oheim Phasganios gestorben, der Bruder seiner 
Mutter, welche ihm bald im Tode folgte. Der Oheim hinterliess dem gelehrten Neffen 
seinen Grundbesitz ausser seinem Hause.^ Da liegt nun eine Antwort an einen tröstenden 
Markellinos vor, mit welchem auch sonst in der Correspondenz vorkommenden Namen 
doch unser Geschichtschreiber in dem oben analysirten, unzweifelhaft an ihn gerichteten 
Briefe bezeichnet wird. Der Inhalt von Libanios^ Antwort lässt aber die Begründung der 
Vermuthung zu, dass derselbe Adressat, also reichlich drei Jahrzehnte früher, gemeint ist.' 



' Der SchluBS lantet: . . . o!(i.a>Yb>v xs ixfop^uii xai Saxpuojv, a>v iici t« ypoaf6\utai ^et tcc icXe(ci>. Nach der Einleitung: vuv 8i, a>; 
IvM axouEiv t(ov IxsiBev o^ixvo'jfxivtov, autof ^(iiv iv hn^dJ;sai, xaXi {xiv yf^ovac, tau; 8i £af}, tfjf ovy^potfH^ tU icoXX« xst{iiY](iivT2{, xai 
Tou ^ovivtQC ixaivEOIvToc (iipo( ItEpov E^cxoXouvto;. Die schon im Jahre 1868 versuchte Beweisführung, dass gerade die Bficher 
XIV bis XXV zwischen 389 und 391, die sechs letzten nach Theodosius I. Tode publicirt seien, halte ich nicht für zu- 
treffend; das neuerlich besonders betonte Argument der Erwähnung von Aurelius Victor's römischer Stadtprftfectur zu 
XXI 10, 6 fXUt weg, wenn man erwägt, dass die Worte ,multo post urbi praefectnm* am Schlüsse des Satzes seltsam nach 
der Lobpreisung: ,sobrietatis gratia aemulandum' angehängt, allem Anscheine nach später hinzugefügt sind. 

' 'Axo6a) ti n^v *PciS(jiy]v aOti^v vte^ouv aot tbv icovov xai xeioOat <)n{90v aOtiJ, tiov yh ae xcxpanjxjvai, tcov ^k o^ ^TTy)a6au 

' xai ai ^rikia tou 'P(o[Ay)v Ex^tv, xax<(v7]v tou at. vli |jiv yap l^^cic, cj> "^^ ^ tS icapaicXi^oiov oOSiv, . . . 

^ . . ., 4 Si tov (fehlt bei Valesius und daher bei Gardthausen I, p. YIH) ttSv lauTf[c tcoXitcov, ofc scptfyovoi $a(|jiove(, o^x ^^^F^^* 
Es war eine unglückliche Verbesserung Joh. Christoph Wolfs, dass er dies in der grossen Ausgabe von 1738 auf Romulns 
und Remus deutete; schon der Julier Abstammung von Venus hätte ihn über die Ahnen des Fatriciates auf die richtige 
Bahn bringen können. 

^ XIV 11, 5: copia rei Tehiculariae data Mediolanum itineribus properayimus magnis. — XVI 10, 21: (Ursicinus) in orientem 
cum magisterii remittitur potestate . . . eum sequi jubemur quicquid pro republica mandaverit impleturi. 

' Sievers, Leben des Libanius, S. 80, Anm. 56 und S. 79. 

^ Epistola 141, p. 72. Joh. Chr. Wolf bemerkt: fortasse hie Ammianus Marcellinus est, ad quem et alia nostri extat epistola. 
Gemeint ist eben die oben (8. 7) erwähnte Nummer 983, S. 460 f. 



Ahhianus Margelunxts und die Eiobnart seines Gebchichtswerkes. 9 

Er hatte Geschenke an den Rhetor gesendet, für welche dieser jetzt erst, allem Anscheine 
nach auf geschehene Mahnung, am Schlüsse dankt: ,wie hätten sie mir nicht Freude machen 
sollen, da sie von einem braven Manne und treuen Freunde kamen!** Das ist kühl genug 
und so auch der durchaus realistische, weichere Stimmungen ablehnende Anfang des 
Schreibens: ,es ist doch ein hübscher Landbesitz, und ich übernehme ihn und weder 
Bednerforce soll ihn mir entreissen, noch Schriftenfälschung. Du freilich bist mir nicht 
weniger angenehm, weil Du des Oheims gedenkst, als weil Du entschlossen bist, mich zu 
lieben.** Wenn in dem Trostbriefe eine Andeutung über den geringen Werth des Land- 
eigenthumes und über die Anfechtbarkeit des Testamentes gewesen sein sollte oder von 
Libanios vermuthet worden ist, so hat er seine Zurückweisung in eine höchst verletzende 
Verbindung mit Markellinos' Liebesworten für den verstorbenen Oheim und für ihn selbst 
gebracht Noch fügt er den Gemeinplatz hinzu, er habe von dem Oheime die Anlage, auch 
Andere zur Liebe dessen zu überreden, welchen er lieb gewonnen habe.' Dann folgen ein 
paar Sätze, welche einer Ablehnung weiterer Beziehungen einigermassen gleichen: ,trotz 
Nachsinnens habe ich eine Wohlthat nicht gefunden, die ich Dir erwiesen hätte; mit 
Deiner Behauptung, eine solche empfangen zu haben, hast Du vielmehr mir eine erwiesen, 
wirst mir auch andere erweisen; meinerseits werde ich mit Dir beten, da ich dies allein 
vermag,'* d. h. sonst nichts für Dich thun will. 

Wenn dieser Brief wirklich, wie doch scheint, an unsem Geschichtschreiber gerichtet ist, 
so lässt er weitere Correspondenz von Libanios' Seite kaum erwarten. Ein anderes Schreiben 
des Rhetors dürfte doch aber mit etwas mehr Sicherheit erkennen lassen, dass Ammianus 
sich Libanios* Achtung erworben hat, als er noch in activem Militärdienste im Oriente stand. 
Einer schriftlichen Ermahnung unbekannter Datirung an zwei frühere Schüler ftlgt der 
gelehrte Antiochener folgende Empfehlung bei: ,Geld gering zu schätzen wird ausser dem, 
was ich selbst oft gesagt habe. Euch dieser Zuschrift Ueberbringer bereden, welcher nach 
seiner Erscheinung den Kriegern zugehört, nach seinem Thun den Philosophen, da er 
mitten im Gewinnen Sokrates nachgeahmt hat, der lobenswerthe Ammianos.'^ Aus dem 
Geschichtswerke erhellt allerdings zur Genüge, dass der Verfasser keineswegs in Kriegs- 
zeiten auf Beute und Gewinn ausgieng, vor Allem aber seine Schuldigkeit thun und sein 
Wissen vermehren wollte. Auch erwähnt er zweimal Socrates neben, und gleichsam gleich- 
gestellt mit Numa Pompilius; ein drittes Mal hebt er — ihn mit Solon verwechselnd — 
hervor, wie der zimi Tode verurtheilte Sokrates am Tage vor der Vollstreckung des Ur- 
theiles ein ihm noch unbekannt gewesenes Lied des Stesichoros von einem Kundigen zu 
hören verlangte, ,um etwas mehr wissend aus dem Leben zu scheiden*.^ So lässt sich an- 
nehmen, dass Libanios' Empfehlung unsrem Geschichtschreiber gilt. 



^ Ta Sivut ic(5$ oOx SfjicXXEv ^Bov^v otvetv avSpo^ ts ovta )^pT](rcou xat ßs^{ou ^(Xou!. 

' KoXoc Y^ ^ xX^po< xfti Bta$l^o(jiai, xai xourov oCte Xöycov a^aipi^vsTocC (ji£ Sciv^it)^ o&te {Jt((Jiy)aK Ypapt|Jidltü>v. 2b Si oO^ ijtTü) (xot X^P^H 

Tou Beiou pLC|iyv)(iivo$ f^ 9iX£iv |ji£ icpoatpou(AEvo( ... 
"... IkuX naX touto napi* ^vou (Jioi to aicip[ia tou ^C ü)V TCpoaixEtto xal xo\^ oXXou^ avoejcs{6oviO( ^tXfitv. 

* X^P^^ ^^ ^T^ V'^ ^^ IBtoxa aot XoyiC^tiEvo^ oOx eupov, ab ^k 2[iol $i8(ü{ icp ^d^oxciv Ex^tv, Sfoact( hi xat aXXa( * h(ta hi ooi auveuSo|jL«i - 
Touio yap ^ 2{ATJ 8uva(At(. 

^ IlEtOitio $i 6{jiac XP^H^^^ xato^povEtv &veu tcov uic' lp.ou noXXixi; E?pT]{Alvci>v h xa yp^\k\iaxa ^ipcov, S^ 6icb piv oxi^lMto^ tli arporcuotac, 
&3cb §i Ttov IpYCDV Et; ^tXoaöfouc hfybfpeanotif tbv Zcopatijv h pilaotc (Aipiiiadifisvoc xspSsatv h xaikh^ ^Aptpiiavoc. Epist. 284, p. 113 an 
ApoUinianos und Gemellos mit Wolf b kühner Anmerkung: Est llle Ammianus MarcellinuB, ad quem plures nostri extant 

« 

epistolae. 

* Xsot pLoOtov «uro aicoOdh^e» lauten die angeblichen Worte Solon's bei H. ValesiuH zu der Stelle (Wagner IH 245): XXVUI 
4, 15. Die beiden anderen Sokrates- Erwähnungen: XVI 7, 4 und XXI 14, 5. 

Denkschriften der phil.-hist. Classe. ILIV. Bd. T. Abh. 2 



10 y. Abhandlung: Max Büdingbr. 

Ich bemerke, dass andere je an einen Markellinos oder Ammianos adressierte Briefe längst 
als an verschiedene Personen gerichtet sich erwiesen haben oder so gleichgiltigen Inhaltes 
sind, dass sich keine Handhabe bietet, sie als dem Geschichtschreiber bestimmt anzusehen.^ 



Drittes Kapitel. 
Ammianus' religiöse Haltung. 

§. 1. stand der Frage. 

Milder als Libanios steht er dem Christenthume gegenüber. Vollkommen zutreffend 
hat schon im Jahre 1802* C. G. Heyne sich über diese Frage geäussert ,Wie bei Anderen, 
so hat man auch bei Ammian wissbegierig untersucht, ob er nach seinem Bekenntnisse 
Christ war oder nicht. Es ist aber eine bei der Leetüre von Schriftstellern jener Zeit 
sich von selbst ergebende Thatsache, dass unter den Verständigeren die meisten weder die 
von den Vätern überkommenen Religionen weggeworfen, noch die neuen verurtheilt, sondern 
je nach ihrer geistigen Befähigung das zu Billigende gebilligt haben.' Heyne verweist 
dann darauf, wie in dem uns beschäftigenden Geschichtswerke des Kaisers Julianus aber- 
gläubische Vorstellungen getadelt werden: XXII 12, 6 und 7 (doch auch XXIV 6, 17 
und 8, 4); die unzähligen Thieropfer und gesuchten Prophezeiungen werden noch unter des 
Verstorbenen Fehlem (XXV 4, 17) aufgezählt. Anderseits werde an dem Bischöfe Georg 
von Alexandrien (XXII 11, 5) gerügt, dass er bei dem Kaiser Constantius Viele denuncirte 
,seines Berufes uneingedenk, welcher nichts als Gerechtes und Mildes lehrt*. An diesem 
Kaiser selbst tadle er (XXI 16, 18), dass er die klare und einfache christliche Lehre mit 
weibischem Aberglauben vermengt habe.^ 

So richtig diese Bemerkungen sind, so ist doch mit ihnen das Verständnis ftlr unsres 
Geschichtschreibers religiöse Haltung nicht gewonnen. 

§. 2. Heidnische Ueberzengangen. 

Nun berührt sich wohl gerade des freilich christlich-arianischen Kaisers Constantius 
Ausdrucksweise gelegentlich mit Ammianus' religiösen Ueberzeugungen. So vernimmt man 
etwa von einer ewig waltenden* oder höchsten, auch wohl ewigen und himmlischen Gott- 
heit, welche nach des Geschichtschreibers Worten billige Gerechtigkeit übt, aber auch 
,die vom Schicksale bestimmte Beute zusammenpressend' am 24. August 358 eine so herr- 
liche Stadt wie Nikomedia durch ein Erdbeben zerstören konnte.^ Der Glaube an diese 
Gottheit wird doch im Fortgange der Erzählung weniger betont. 



^ Sievers a. a. O. 271 f. 286. Epist. 1303, p. 608 : MapxE>A{v(fi, dessen besondere Freundschaft am Schlüsse hervorgrehobeu 
wird, ^ilt der Beschützung eines Verkäufers von Wohlgerüchen; auch Wolf bemerkt doch dazu mit einem Citate aus Fa- 
bricius* Bibliotheca Latina in 129, er wisse nicht, ob Ammianus 'Marcellinus gemeint sei, da es mehrere des letztern 
Namens gebe. 

' Vgl. den Anhang. Das im Texte Bemerkte findet sich in der Edition von Wagner und Erfiirdt, t. I, p. CXXXV. 

' Christianam religionem absolutam (i. e. planam cf. Wagner II 428) et simplicem anili superstitione confundens . . . 

* Constantius spricht nach Bewältigung der Sarmaten XVII 13, 28: ut placuit numini sempiterno. Valentianus I. Wahl 
erfolgt (13. Februar 364) uuminis adspiratione caelestis. XXVI 1, 5. 

'^ . , . sed vigilavit utrobique snperni numinis aequitas. XIV 11, 24. — Ein Signifer unter Julianus: modo adsit superum 
numen! XVI 12, 18. — numine summo fatales eontorquente manubias. XVII 7, 3. — Kaiser Gratian besiegt die Lentienser 



Ahmianus Marcellinus und die Eiqbnabt seines. Geschichtsweskes. 11 

Viel mächtiger wirkt auf ihn die Vorstellung von Schicksal und Glück. Das ,Schick8al8- 
loos' hat den Caesar Gallus zur Hinrichtung geführt; der neue Caesar Julianus ist ,durch 
des Schicksals drehendes Ordnungsgewebe^ Mitconsul von 356, Regenerator Galliens und 
Sieger über die Germanen geworden; dann wollte der Kaiser Constantius durch Bestrafung 
unschuldig Denuncirter ,die gleichsam vorgeschriebene Ordnung des Schicksals zerreissen;' 
bald zeigte sich, wie ,das Glück die Leiterin menschlicher Geschicke' ist; der klägliche 
Tod von Gallus' beiden Anklägern bringt eine, hier neue, mit Inbrunst geschilderte ,zu- 
weilen eintretende göttliche Kraft Adrastea oder Nemesis, welche schändliche Handlungen 
rächt, gute belohnt — möge es nur immer geschehen!*^ 

Wenn aber Adrastea unabhängig von Schicksal und Glück ihm zu wirken scheint, 
so scheut er sich auch nicht, diesen mächtigeren Gewalten bei gegebenem Anlasse Vorwürfe 
zu machen. Den schimpflichen, mit so vieler Landabtretung verbundenen Frieden mit den 
Persern, welchen der nach Julianus' Tode fast zufällig gewählte Kaiser Jovianus schliessen 
musste, nimmt er (XXV 9, 7) zum Anlasse für eine Ansprache. ,An dieser Stelle wirst Du, 
Glücksgöttin des römischen Weltreiches, mit Recht beschuldigt, da Du, während Stürme 
den Staat auseinanderwehten, dem erfahrenen Führer der Regierung die Steuerung entrissest 
und einem erst zur Vollendung reifenden jungen Manne darreichtest.' So lässt er auch 
(XXXI 8, 8) ,Dich, Glücksgöttin, als unmilde und blind* schelten, weil sie die Abführung 
freigeborener Wohlhabender durch die gothischen Krieger nicht verhindert hat. Da kommt 
immerhin sehr in Betracht, an wie manche von Glück und Schicksal unabhängige Gewalt 
noch ausser Adrastea er glaubt. Mit einigem Erstaunen liest man gerade bei diesem letzten 
uns erhaltenen heidnischen Historiker (XVIII 6, 3): ,wir glauben — und es ist auch gar 
nicht zweifelhaft — dass auf luftigen Pfaden Fama rasch dahinfliegt;* so sei des erprobten 
Commandirenden Ursicinus Ersetzung durch einen Unfähigen rasch zu den Persem gelangt. 

Selbstverständlich glaubt er an Vorzeichen, unter denen Missgeburten eine wichtige 
Schreckensstelle einnehmen. Auf Wahrsagungen aller Art hält er für kriegerische und 
politische Entschliessungen und Thatsachen. Die Schilderung der Einbrüche von Gothen 
und Hunnen in den Osten des Reiches, wie sie das letzte Buch veranschaulicht, wird 
(1, 1 bis 5) mit einer Fülle von Vorzeichen und Vorhersagungen eingeleitet. Daher findet 
er es auch ganz begreiflich, dass Kaiser Julianus die Todeswunde in einem Gefechte 
empfieng, welches er, trotz aller Vorstellungen etruskischer Haruspices und Warnungen 
der Tarquitianischen Bücher ,in dem Abschnitte über die göttlichen Dinge', vor unmittelbarem 
Weitermarsche und Kampfe aufgenommen hatte (XXV 2, 7): ,der Kaiser hatte einen Wider- 
willen gegen die ganze Wissenschaft der Wahrsagung.** Doch hatte gerade er drei Jahre 
früher (XXI 1, 6) ,durch Schlussfolgerung aus vielen Vorherkündungen der Weissagung, 
die er verstand, und aus Träumen*, des Kaisers Constantius ,baldige8 Scheiden aus dem 
Leben' ^ erkannt. Ammianus selbst vertheidigt den von ihm so verehrten Julianus hierauf 

seropitemi numinis nutu. XXXI 10, 18. — ... caesonim nitimae dirae, perpetuum numen ratione querelarnm instlssima 
commoventes Bellonae accenderant faces. XIX 2, 20. — Wenn XIV 11, 12 der Caesar Gallus Antiochia verfassend numine 
laeyo geführt wird, so ist das polytheistisch gemeint. 
^ . . . fatonun ordine contexto versante Caesar apud Viennam cet. XV 1,1. — pandente viam fatomm sorte tristissima. XIV 
11, 19. — quasi praescriptum fatorum ordinem conTalsams. XV 3, 3. — fortnna moderatrix hamanarom casaom. XV 6, 1. — 
... fortauae motns ... ludunt mortalitatem, nunc evehentes quosdam in sidera, nunc ad Cocyti profunda mergentes. XIV 11, 29. 
— ultrix facinorum impionun bonorumque praemiatriz aliquotiens operatur, Adrastia — atque utinam semper! XIV 11, 26« 

* imperatore omni yaticinandi scientiae reluctante. 

* . . . incendebatque ejus cupiditatem . . . incessere nitro Constantium, coniciens eum per vaticinandi praesagia multa, quae 
callebat, et somnia e vita protinus ezcessunim. 

2* 



12 V. Abhandlunq: Max BOdikobb. 

gegen den Vorwurf ,Uebelwollender, zur Erkenntniss der Zukunft schlechte Künste' an- 
gewendet zu haben. Das gibt dann Gelegenheit, eine Art Bekenntnis über seine eigene 
AuflEassung von überirdischen Dingen abzulegen, wobei nach ,alten Theologen* Themis 
und Jupiter ihre Stelle finden, auch die aus der Gottheit Güte (benignitas numinis) ge- 
währten Auspicien des Vogelfluges und die Prophezeiung aus Eingeweiden gläubig erklärt 
werden. 

Dieselbe Theologie hat ihn gelehrt, dass, trotz der Unerschütterlichkeit des Schicksales, 
jedem Menschen zur Leitung bei seiner Geburt göttliche Kräfte, vertraute Genien bei- 
gegeben werden, wie das Orakel und Autoren bestätigen.* So kann er auch nur billigen, 
dass der neugewählte Kaiser Valentinianus I. sich am Tage nach seiner Ankunft, als dem 
Schalttage des Februar, nicht sehen noch huldigen Hess , wegen Vorhersagungen, wie zu 
verstehen gegeben wurde, oder anhaltender Träume;* ,er hatte in Erwägung gezogen, dass 
„der Schalttag" dem römischen Staate mehrmals Unheil bringend gewesen sei.** 

Bei dieser Fülle von heidnischen religiösen Vorstellungen unsres Autors ist doch 
bemerkenswerth, dass der alte griechisch-römische Götterkreis gar selten berührt wird; er 
hat wohl für viele Gleichgesinnte dieser Zeit seine actuelle Kraft verloren. 

§. 3. 81tt4)nrelnhelt. 

Es gehört aber zu des Geschichtschreibers religiösen AuflFassungen auch eine ernste 
und starke Abneigung gegen Unsittlichkeit. Eine solche Einwirkung christlicher Lehre 
auch auf sein eigenes Gemüth gesteht er einmal andeutend zu. 

Die Gelegenheit bot sich, als er seinem Unwillen über das Privatleben seines neuen 
Commandeurs, Ursicinus' Nachfolgers Sabinianus (XVIII 7, 7), ausführlich Worte lieh. 
Seinem ,weichlichen Vorleben in schlaffem Handeln* ohnehin entsprechend, hat dieser Feld- 
herr jüber den gleichsam zu stetem Frieden mit den Todten gebauten Gräbern von Edessa 
in tiefer Stille sich ergötzt an Bewegungen von Pantomimenspielem bei dem Klange von 
Weisen eines militärischen Kriegstanzes. Das Unterfangen und der Ort sind gleich übler 
Bedeutung, da wir unter dem Fortschritte des Jahrhunderts lernen, dass jeder ehrenhafte 
Mann in Handlung und Wort Unreines dieser und ähnlicher Art meiden muss.'^ Hiemit 
stimmt die eine und andere Aeusserung des Geschichtschreibers. Lebhaft rühmt er (XXVIH 
1, 8; 4, If.) die Milde und Gerechtigkeit des römischen Stadtpräfecten von 368: Olybrius; 
,aber dies alles verdunkelte ein Laster, das zwar (dem Staate) wenig schadete, aber einen 
Flecken bei einem hohen Richter bildete, dass er fast sein ganzes zu Geilheit neigendes 
Privatleben bei scenischen Aufführungen und Liebesaffairen weder verbotener noch blut- 
schänderischer Art hinbrachte/* Es gehört doch in diesen Zusammenhang, dass Ammianus 
kurz vorher (XXVIII 1, 28) mit Genugthuung berichtet, wie ein Henker lebendig ver- 
brannt wurde, weil er bei der Hinrichtung zweier vornehmer Frauen den Anstand ver- 



^ Ferunt enim theologl, in lucem editis hominibus cunctu, salva firmitate fatali, huiusmodi quaedam velut actus rectura 

numina sociari . . . Idque et oracula et auctores docuere praeclari ... — ... familiäres genii, quorum adminiculis freti 

praecipnis Pythagoras enituisse dicitur et cet. XXI 14, 3 bis 6. 
' ... praesag^iis, ut opinari dabatur, vel somnionim adsiduitate nee videri die secuudo nee prodire in medium voluit, bis 

sextum Titans mensis Februarii tunc illucescens, quod aliquotiens rei Romanae fuisse dignorat infaustum. XXVI 1, 7. 
' . . . cum haec et hujnsmodi factu dictuque tristia yitare Optimum quemque debere saecnli prog^ressione discamus. 
^ . . . quod citeriorem vitam paene omnem vergentem in luxum per argumenta scaenica amoresque peregerat nee vetitos nee 

incestoB. XXVIU 4, 2. 



AmBOANUB MaRCBLLINüS und DIB ElOBMART SBINSS GbSGBICHTSWBRKBS. 13 

letzte. So hebt er früher ausdrücklich in trefltenden Worten hervor, wie bei den Persem 
,unter Wollust verschiedener Art die verstreute Herzensempfindung erstarrt^^ Auch von 
den Kaisem seiner Zeit beansprucht er sittenreine Haltung. Von seinem früheren Kame- 
raden, dem Kaiser Jovianus, bemerkt er: ,gefrässig war er doch und gab sich dem Weine 
und der Venus hin, Laster, die er vielleicht unter der Scheu der kaiserlichen Würde be- 
seitigt haben würde.'* 

Da ist nun die Haltung des von ihm als Krieger und frommer Hersteller der 
heidnischen Kulte' so hoch geschätzten Kaisers Julianus unserm Autor besonders rühmlich 
in Sittenreinheit erschienen; der habe sich nach dem Tode seiner Gemahlin solchen Sinnen- 
genusses gänzlich enthalten und hiemit einem warnenden Worte entsprochen, welches nach 
Piaton 8, doch ungenau wiedergegebenem, Berichte der greise Sophokles zum Bescheide gab:* 
er sei so einem wüthenden und grausamen Gebieter entflohen (XXV 4 , 2) ; nicht einmal bis 
zum Bedürfriisse der Natur (1. 1. §. 5) habe er weichen Neigungen nachgegeben; auch nicht 
bei seinem Aufenthalte in Antiochien sei er von den in ganz Syrien verbreiteten Ver- 
lockungen (XXn 10, 1) hingerissen worden. Wie im Gegensatze hiezu erwähnt er 
(XXVin 4, 3), dass sein allmählich zu den höchsten Würden aufgestiegener antiochenischer 
Landsmann Ampelius doch auch nach Ueppigkeiten begierig war; Ammianus benutzt gerade 
das Amtsjahr 369 von Ampelius' römischer Stadtpräfectur, um eine abschreckend deutliche 
Schilderung des Benehmens reicher Römer geringer Herkunft in den grossen Baderäumen 
zu liefern (1. 1. §. 9). 

§. 4. Yerhalten zum Christenthume. 

Tritt uns in dem Geschichtschreiber der überzeugte, sittenreine Gläubige griechisch- 
römischer Anschauungen von göttlichen Gewalten entgegen, so ist die zurückhaltende und 
massvolle Ausbildung seiner religiösen Meinungen zu freundlichem Auskommen mit dem 
sich eben zur Reichsreligion entfaltenden Christenthume vorzüglich geeignet und bewährt. 

a) Urtheile über den christlichen Glavl>en. 

Eine Art Vorschilderung seiner das Christenthum als solches betreffenden Aeusserungen 
haben schon die beiden früher (S. 10) bemerkten Citate Heyne's gewährt. Es sind aber 
bei Erwägung seiner Beziehungen mit dem während der Abfassung seines Werkes zu 
bleibendem Siege gelangenden neuen Glauben mehrere Gesichtspunkte zu scheiden. 

Er will keinen Zweifel lassen, dass ihm die christliche Lehre klar, einfach und gerecht 
erscheint, wie schon in jenen beiden Citaten erkennbar ist. Dem entspricht auch, dass er 
in der Charakteristik des Kaisers Jovianus ganz unbefangen bemerkt:* ,er war den. Vor- 
schriften des Christenthums ergeben und ihm zuweilen zur Ehre gereichend, massig unterrichtet 
und mehr wohlwollend.^ Daher beklagt er auch ernstlich Julianus' ,unmilde* Verfügung, 
welche Christen vom Studium der Rhetorik und Grammatik ausschloss; man müsse das ,mit 



^ . . . per libidines varias Caritas dispersa torpescit. y^TTT 6, 76. 

' . . . edax tarnen et vino Venerique indulgens, quae vitia Imperiali verecundia forsitan correxisset. XXV 10, 15. 

' . . . a radimentis pueritiae primis inclinatior erat erga numinum cultum paulatimque adulescens desiderio rei flagrabat. 

— ... pectoris patefecit arcana et planis absolntisque decretis aperiri templa arisque hostia admovere et reparari Deorum 

statoit caltnm. XXII 6, 1 und 2. 
^ . . . n«vtdbcavi TO toO Zo^oxXJou^ ^Cverst^ osvscotcav fcdtvu icoXXcov xal {j.aivo(iiv(üv dbn)XXd^Oai. De republica I, p. 329^. 
' Christianae legis idem studiosns et nonnumqnam honorificas, xnediocriter emditns magisqae benevolus. XXV 10, 15. 



14 V. Abhanoluno: Hax BüDDiaBE. 

ewigem Schweigen bedecken.'^ Mit Abscheu schildert er die im Jahre 362 in Egypten 
stattgehabten blutigen Christenverfolgungen durch den Pöbel, welche Julianus, von seiner 
Umgebung gedrängt, nicht mit Hinrichtungen, sondern nur mit Androhungen im Wieder- 
holungsfalle strafte. Wie er zu berichten hat (XXII 11, 10), dass die Asche der 
gemordeten und am Ufer verbrannten Christen ins Meer geworfen wurde, dass nicht über 
ihren sterblichen Resten Heiligthümer errichtet werden, da fügt er Folgendes hinzu : ,Solches 
sei den Uebrigen geschehen, welche, von ihrer religiösen Ueberzeugung gedrängt, gräss- 
liche Strafen ertrugen, in unverletzter Treue bis zu rühmlichem Tode gelangten und 
jetzt Märtyrer genannt werden/ 

Es dürfte doch etwas Anderes mit diesen gräulichen Begebenheiten zusammenhängen, 
oder besser: mit der peinlichen Erinnerung an dieselben. Es geschieht unerwartet genug, 
dass er bei der Erwähnung eines an den Kaiser Julianus von dem Statthalter Egyptens 
über die Auffindung eines Apis in eben diesem Jahre 362 gelangten Berichtes die Geschichte 
dieses, Ammianus sonst so theuren Herrschers abbricht und einen langen Excurs über 
egyptische Dinge einfügt: XXII 13, 6 bis 16, 24. Es ist das um so seltsamer, als er, wie 
filiher (S. 3, Anm. 4) bemerkt wurde, ausdrücklich (15. 1) in Erinnerung bringt, dass er schon 
in den Geschichten der Kaiser Hadrian und Septimius Severus sich eingehend über Egypten 
geäussert habe. Dass es sich doch nicht um eine Wiederholung, sondern um eine Ergän- 
zung des Früheren handelt, dürfte sich aus der Thatsache schliessen lassen, dass er in 
einem freilich nicht ganz erhaltenen Satze (XXII 15, 30) eine auf die Einführung der 
hieratischen Buchstaben bezügliche, vermuthlich priesterliche Nachricht bringt, durch 
welche er vervollständigt, was er bei Gelegenheit des Berichtes von der Aufrichtung eines 
Obelisken in Rom unter dem Kaiser Constantius über die Hieroglyphen früher (XVII 4, 8 
bis 11) dargelegt hatte. Gegen den Schluss dieser neuen egyptischen Digression behandelt 
er die Wirkungen egyptischer Weisheit. ,Auf die verschiedenen Ursprünge der Religionen 
lange vor Anderen kamen hier, wie man sagt, die Menschen, und sie schützen die ersten 
Anfänge von Heiligem durch Bergung in heiligen Schriften.'* Mit solcher Weisheit aus- 
gestattet sei Pythagoras zu seinem unbedingten Ansehen, seiner veränderten Körpergestalt 
und der Kunde der Adlersprache gekommen,* habe Anaxagoras Steinregen und Erdbeben 
vorhersagen können, und ,Solon hat an den Aussprüchen der egyptischen Priester eine 
Hilfe für seine massvolle Gesetzgebung gefunden, welche auch dem römischen Rechte die 
grösste Stütze beigefügt hat*.* 

Nach der Besprechung dieser drei Vorgänger glaubt der Geschichtschreiber auch die 
richtige Erklärung für Christi Wirksamkeit liefern zu können. Dieser Zusammenhang ist 
uns aber erst durch des verewigten Alfred von Gutschmid Scharfsinn erschlossen worden. 



^ Ülud antem erat inclemens, obmendum perenni silentio, quod arcebat docere magistros rhetoricos et grammaticos ritas 

christiani cultores. XXH 10, 7. 
'Hie primum homines longe ante alios ad varia religionnm incnnabnla, ut dicitur, penrenerunt et initia prima sacronim 

caute tuentur condita scriptis arcanis. XXU 16, 21. 
' Die Zusammenstellung Lindenbrog's von den sonstigen Nachrichten über diese pythagoräischen Wunder ist bei Wagner 

II 519 wieder abgedruckt Von den hier genannten, für Ammianus* Benutzung denkbaren Schriftstellern dürfte Jamblichos 

der wahrscheinlichste sein, schon weil sein Neuplatonismus unarem Autor zusagen musste. 
^ Et Solon sententiis adjutus Aegypti sacerdotum, latia justo moderamine legibus, Romano quoque juri maximum addidit 

firmamentum. XXII 16, 22. Cicero de legibus U 23 und 25 weist doch nur eine beschränkte Einwirkung nach. Sonst 

bringen neben diesem Citate, doch nur von c. 23, Lindenbrog und Heinrich Valois für diesen Satz Ammian's wie für den 

vorhergehenden über Anaxagoras noch heute brauchbare NachweiBungen: Wagner II 519. 



AhHIANUS MaRCBLLINUS und DIB ElGlSNART BBmsS GeSCHIGHTSWERKES. 15 

Nun hat der betreffende Satz folgenden Wortlaut:^ ,Diesen Quellen entsprechend hat Jesus 
in den Höhen schreitend, durch die Herrlichkeit seiner Reden Jupiter vergleichbar, ohne 
Egypten gesehen zu haben, seinen Dienst mit ruhmvoller Weisheit verrichtet.' Welches 
Muster Ammian in diesem bewundernden Satze fremdartiger Haltung vorgelegen haben 
dürfte, vermag ich nicht zu sagen. Das Schreiten in den lichten Höhen erinnert fast 
an das vierte Evangelium, etwa an die Worte Christi: ,ich bin das Licht der Welt; wer 
mir folgt, wird nicht in der Dunkelheit schreiten, sondern das Licht des Lebens haben.** 

b) ürtheile über Parteiungen und Schwächen der Christen. 

lieber unsres Historiographen milde und duldsame, ja hochachtungsvolle Auffassung 
der christlichen Religion kann nach den eben erörterten Aeusserungen kein Zweifel be- 
stehen. Anders verhält es sich mit seinem ürtheile über christliche Geistlichkeit und das 
christliche Gemeindeleben, vornehmlich in Rom. 

Excurs über das Verfahren gegen Liberins und Athanasius. 

Von der Rüge, welche er den fanatischen Verfehlungen des arianischen Bischofs Georg 
von Alexandria zu Theil werden lässt, ist früher die Rede gewesen. Aber auch dessen 
hochgefeierter katholischer Gegner Athanasius, einer der wirksamsten Mitgestalter der abend- 
ländischen Kirche, entgeht nicht Ammianus' heftigen Vorwürfen. Er erhebt dieselben in 
Wiedergabe oder doch auf Grund der ihm vorliegenden Beschlüsse einer Synode arianischer 
Bischöfe in Alexandria. Ammianus hätte sich in Rom von der Nichtigkeit dieser Klage- 
punkte mehr als fünfunddreissig Jahre nach 355 — denn diesem Jahre gilt die Anklage 

— während der Ausarbeitung und vor der Publication seines Werkes leicht genug über- 
zeugen können. Nun aber liest man mit Verwunderung die angeblichen Vergehungen des 
glaubenseifrigen Seelsorgers: heidnische Schicksalslosung und Beschäftigung mit Zukunfts- 
kunde ,aus gründlichstem Verständnisse derselben wie der Prophezeiungen der Augural- 
vögel', und dann folgt noch eine Andeutung über Vergehungen, welche seinem bischöflichen 
Amte zuwiderliefen.* Diese Anklagen leitet der Geschichtschreiber mit einem ,man sagte 
nämlich' ein. Sie müssen ihm entscheidend für die Beschlüsse erschienen sein, welche die 

— übrigens arianische — Synode von Alexandria zur Begründung von Athanasius^ un- 
mittelbar vorher erwähnter Enthebung vom bischöflichen ,Dienste' fasste; ihrerseits wird 
aber die Berufung der Synode begründet durch beständige Gerüchte von zweierlei Art: 
^Athanasius habe sich zu hoch über seinen Beruf hinaus erhoben und Fremdartiges zu 
erforschen gesucht.'* Dass dem Erzbischofe der Kaiser ,stet8 feindlich gesinnt' war, wird 
(§. 10) als ein weiteres Moment später nur eben berührt. 



^ Ex his Jesus (»ihs* war als Dittogpraphie vom Schreiber ausgelasflen) fontibus per sttbliiuia gradiens, sermonum ampUtudine 
JoviB aemulas non visa Aegypto militavit sapientia gloriosa. Ich denke, dass militavit ernstlich die Aufgabe ganz sol- 
datisch fasst. Die sublimia fasse ich als die lichten Höhen auf. 

' /Eya> E({it 10 9ö>( tou xdvjjiou * 6 dtxoXouOtuv i\u)\ oO |iY^ icepiTcanJasi iv i^ oxotCa, aXX^ ^t lo f<5c tij( C«^(** Evang. Johannis 8, 12. 

' Dicebatur enim fatidicarum sortium fidem, quaeve augurales portenderent alites scientissime callens, aliquotiens praedixisse 
fatura; super bis intendebantur ei alia quoque a proposito legis abhorrentia cui praesidebat. XV 7, 8. Plausible und fUr 
uns doch nicht zureichende Erklärung der WeissagungsvOgel glaubte Heinrich Valois bei Sozomenos IV 9 und gar Nike- 
phoros IX 35 gefunden zu haben. Vgl. Wagner H 145. 

* Athanasium episcopum eo tempore apud Alexandriam ultra professionem altius se efferentem scitarique conatum externa, 
ut prodidere rumores adsidui, coetus in unum quaesitus eiusdem loci multorum — synodus ut appellant — remouit a 
sacramento quod optinebat. L. 1. 7. • 



16 V. Abhanplumq: Max Bodingsr. 

AmmianuB hat eine nicht unschickliche Scheu, ein Stück innerer christlicher Elirchen- 
geschichte ausftlhrlich zu behandeln, abgesehen davon, dass er den autoritativen Namen 
von Synoden für die Zusammenkünfte von Priestern des neuen Glaubens möglichst meidet. 
So deutet er auch nur die für das Yerständniss der ganzen Angelegenheit sehr wichtige 
Thatsache an, dass noch eine andere Synode gehalten wurde, und zwar in dem von ihm 
eben zu behandelnden Jahre 355, und dass deren Beschlüsse den Aniass zu dem Conflicte 
des Kaisers mit dem Papste gaben. Von anderen in Athanasius' Streit gehaltenen Synoden 
schweigt er gänzlich; die von ihm mit den schwer verständlichen Worten ,Beschlfls8e seiner 
meisten Amtsgenossen^ gemeinte ist die zweite in der damaligen kaiserlichen Residenz Mailand 
gehaltene. Bei der einhelligen, zum Arianismus neigenden Erklärung dieser bischöflichen 
Versammlung für Athanasius^ Absetzung und Exil wurde ausser dem unbeugsam katholischen, 
greisen Bischöfe Hosius von Cordova besonders der Papst Liberius vermisst. 

Zur Kennzeichnung der Situation bemerkt unser Oeschichtschreiber zutreffend, dass 
der Kaiser wusste, die Angelegenheit sei mit der Synodal Verfügung ,abgeschlossen^ ; ,dennoch 
versuchte er mit heftigem Verlangen, dieselbe auch durch das höhere Ansehen des Bischofes 
der ewigen Stadt zu stärken*, ,durch Unterschrift* jener Verfügung ,ihn der Priesterstelle 
zu entsetzen*.^ 

Dies Alles stimmt mit den in den Kirchenhistorien überlieferten Nachrichten. Es ist 
aber ein Irrthum in Bezug auf die Zeit, wenn er vor Entwicklung des Motives fUr des 
Kaisers Wunsch, auch des Papstes Unterschrift auf der synodalen Urkunde der Verurtheilung 
zu sehen, bemerkt (§. 9), Liberius habe ,die gleiche Meinung gehabt wie die Uebrigen'. 
Athanasius selbst, in dem ,an die Mönche' in Form eines Briefes gerichteten Werke, hat 
Zeugniss abgelegt, dass der Papst Liberius mit rückhaltloser Zustimmung sich für ihn und 
seine Schuldlosigkeit erklärte. Es geschieht in Form einer Anrede des Papstes an den 
kaiserlichen Gesandten, den Eunuchen Eusebius, welcher das Verlangen der Unterzeichnung 
der Synodalbeschlüsse überbrachte.* Den Inhalt der Rede möchte ich keineswegs für authen- 
tisch erklären, wenn auch das Wesentliche auf guter Ueberlieferung beruhen mag. Dennoch 
kann man Ammianus' Ansicht nicht ganz verwerfen; denn Liberius hat im dritten Jahre 
nach jener Weigerung, also 358, um aus seinem thrakischen Exile wieder nach Rom zurück- 
kehren zu können, auf der damaligen Synode in Sirmium eine des Kaisers Verlangen 
einigermassen entsprechende Erklärung unterzeichnet' Deshalb wurde auf einer römischen 
Synode von 366/7, unter seinem Nachfolger, Liberius verurtheilt* 

^ Id enim ille (Constantius) Athanasio semper infestiu licet sciret impletum, tarnen auctoritate quoque potiore aetemae urbis 
episcopi firmari desiderio nitebatur ardenti. 1. 1. §. 10. Hunc per subscriptionem abicere sede sacerdotali paria sentiens 
ceterU . . . l. 1. §. 9. 

' Sancti Athanasii archiepUcopi . . . opera . . . ed. . . . Benedict, e congregatione S. Mauri. Paris 1698. I, I historia Arianoruro 
(ein nicht zutreffender Titel!) ad monachos. Liberias* Verfahren wird von Kapitel 35, p. 364 E: xai yotp ou6l Aißeptou tov> 
haax6mu 'Pta^ri^ bis Kap. 39, p. 367 fi behandelt: IXxetai xai Atßlpto« icp^ ßttatXia. Die Anrede an Ensebins In Kap. 36, p. 365 
mit dem wichtigen Satze: ou yap o!dv le vuvdSco auvaptO|jiy)Of|vat .tob( icfpt xCoxtv aaeßouvto^ nnd das sind eben alle Theil- 
nehmer der Maililnder Synode. 

' Liberius damnatur. An der Synode nahmen 28 Bischöfe und 25 Presbyter Theil. Jaffö, Regesta pontificum ed. U, p. 37, 
hierin unverändert wie p. 18 der ersten Auflage. 

^ Sozomenos (vgl. oben S. 6, Anm. 4) allein bringt IV, c. 15, p. 149 und 150 die entscheidenden, authentischen Nachrichten. t 

Kaiser Constantius berief den Papst zu sich nach Sirmium und ißioCsxo on^iov h^\oyii>it \t^ elv« lij) »iTpt t&v ulbv 6{ioou9tov. 
Auf Liberius^ Weigerung verfassten einige hier genannte Bischöfe eine neue Formel, in der nur scheinbar die Homousie ' 

des Sohnes ausgesprochen war: (»k ^jci icpo9d^aci lou &(ioouaiou iici^Eipo^vTcuv tivoiv ?Siav ouvtotdlvfln atpcoiv — also eine Art Privat- 
häresie — und bestimmten Liberius mit vier anderen Bischöfen, dieser Formel zuzustimmen. Valesius bemerkt hiezu (1. 1. 
p. 150, n. ä), diese Sirmische Synode sei die vierte, nicht, wie Baronius irrig meinte, die dritte. Es ist daher Überhaupt 
nicht richtig in der zweiten Auflage von Jaff6*s Regesta pontificum Romanorum (Berolini 1885), p. 34 von Liberius bemerkt: 



AmMIANUS MaRCSLLINUS und die EiGBNART seineb GESGHICHTSyrERKES. 17 

Sieht man nach diesen Erwägungen Anordnung und Zusammenhang der Begebenheiten 
bei Ammianus näher an, so erscheinen beim ersten Anblicke die fünf Sätze (XV 7, 6 — 10), 
in welchen der Gegenstand behandelt wird, nicht verständig auf einander folgend. In der 
That aber sind sie in ganz correcter Folge und deutlich nach ihrem Inhalte geschrieben, 
wenn man in Betracht zieht, dass unser Schriftsteller den kirchlichen Controversen, sowohl 
aus der früher erwähnten Scheu, als nach seiner heidnischen Auffassung, völlig gleichgiltig 
gegenübersteht, ein um so grösseres Interesse aber für des Kaisers Autorität an den Tag 
legt. Es gehört eben zu seiner noch zu besprechenden religiösen Ueberzeugung, dass 
Niemand die Pflicht unbedingten Gehorsams gegen einen kaiserlichen Befehl ausser Acht 
lassen dürfe, der Ungehorsame aber schwerer Strafe unterzogen werden müsse. 

Der Straf befehl des Kaisers gegen den widerspenstigen Papst bildet den Anfang, des 
Papstes Abführung aus Rom den Schluss der Darstellung; beide Male wird die Begründung 
der Strafe dem Leser verdeutlicht. Es geschieht zuerst (§. 6) mit den Worten: ,Ueber 
Liberius, Vorstand der christlichen Ordnung, wurde von Constantius verfügt, dass er an 
den Hof gesendet werde als einer, welcher den kaiserlichen Befehlen und den Beschlüssen 
seiner meisten Amtsgenossen in einer Sache widerstrebte, welche ich in kurzem Zusammen- 
hange rasch vortragen werde.* Das, was ihm in der kirchlichen Controverse wichtig zum 
Verständnisse von Constantius' Verfahren erschien, behandelte er in zwei Sätzen. Dann 
folgt (§. 9) die auf Befehl des Regenten geschehende Ermahnung — der Eunuch Eusebius 
wird nicht genannt — Liberius solle den Absetzungsbeschluss unterzeichnen; ,hartnäckig 
widerstrebte er, unverhohlen war er widerspenstig gegen die Entscheidung des Kaisers^ 
Dreimal wird der Ungehorsam hervorgehoben,* welcher das für Ammianus entscheidende 
Moment bildet. 

Doch hat er sich für verpflichtet gehalten, das juristische, in altrömischer Gesetz- 
gebung begründete und damals noch als voUgiltig geachtete Argument mitzutheilen, 
welches der Papst wiederholt und laut geltend machte: ,es sei das äusserste Unrecht, einen 
Menschen zu verurtheilen, den man weder gesehen noch gehört habe*.* Dasselbe Argument 
bringt aber auch der ungewöhnlich streitfertige , selbst dem Kaiser gegenüber völlig rück- 
sichtslose, streng katholische Bischof Lucifer von Cagliari im Eingange seiner beiden, 
direct an Constantius gerichteten, je an Citate aus dem alten und neuen Testamente an- 
knüpfenden, Bücher zu Athanasius' Vertheidigung. Da liest man: ,wirst Du, als von Gott 
gewollt, versichern können, es sei erlaubt, dass ein Abwesender ungehört und, was die 
Hauptsache ist, unschuldig verurtheilt werde?** 



Ad synodum vocatiis formulam Sirmiensem (tertiam) subscribit. — Hieronymns schrieb erzürnt (Eusebi chronicorum libri 
dao ed. Alfred Schoene, t. I, 1866), p. 194: Liberius taedio victos exilii et in heretica pravitate suscribens Romam quasi 
Victor intraverat. — In einem aus dem Exile an den Bischof Lucifer von Cagliari geschriebenen Briefe dieses Papstes 
liest man doch die Klage: vires corporis ipsius extenuatae sunt. Luciferi Calaritani opuscula ed. Hartel 821 (Corpus 
scriptorum ecclesiasticorum Latinomm. Vol. XIV, Vindobonae 1886). — Der Liber pontificalis ed. Duchesne I (1886) 20 
und Introduction p. CXX bietet für Liberius nichts Brauchbares. 

^ . . . imperatoriis jussis obsistens; jubente principe perseveranter renitebatur; aperte scilicet recalcitrans imperatoris arbitrio. 

' . . . nee yisum hominem nee auditum damnare nefas ultimum saepe exclamans. XV 7, 9. Lindenbrog (bei Wagner II 145) 
bringt einige brauchbare Belegstellen, hält auch die hier angeführten Worte Ammian*s aus Liberius* Begründung seiner 
Weigerung für identisch mit den angeblich von diesem Papste dem Kaiser gegenüber gebrauchten bei ,Theodoret, histor. 
lib. 2, cap. 16*: oO$i ykp o!dv te Tfutzae^tfiato^m av8pö( Sv oOx IxpCvapiev. 

* Cogis nos, Constanti, absentem damnare consacerdotem, nostrum religiosum Athanasium. — ... An divinitus poteris adserere, 
permissum absentem inauditum et, quod est maximnm, innocentem damnari? Luciferi opuscula 66. 
DenkscbriftoD der pbil.-hist. CUune. XLIY. B4. V. Abb. 3 



18 V. Abhandlung: Max BüDiNaER. 

Wie Ammian's Interesse für eine solche Situation geartet ist, verdeutlicht wohl ein 
anderer Fall. Unser Autor selbst macht später aufmerksam, welch' unwürdige Anstren- 
gungen der Kaiser Constantius machte, um seiner arianischen Confession auf Synoden zum 
Siege gegen die katholische Auffassung zu verhelfen. Es wurden schon im Eingange dieses 
Kapitels die von Heyne hervorgehobenen anerkennenden Worte über die damalige Ge- 
staltung des Christenthums berührt. Grerade auf diese Worte folgen aber einige Satz- 
stücke zur Begründung der behaupteten üblen Einwirkung des Kaisers Constantius auf 
jene Gestaltung. Er habe seine abergläubische Religionsforschung mehr verwirrend als 
mit ernster Absicht zur Beruhigung geführt, zahlreiche Entzweiungen erregt, deren Ent- 
wicklung er in mündlichen Disputationen weiter nährte.^ Die Folge sei gewesen, dass 
er dem Postwesen die Lebenskraft durchschnitt;* denn ,Haufen von Vorständen*, d. h. 
Bischöfen, ,rannten hin und her mit dem Staate gehörigen Pferden zu den Synoden, wie 
sie es nennen, da sie allen Gottesdienst nach ihrem Gutfinden einzurichten versuchend* 
Wie man sieht, ist bei Ammianus Interesse an dem Treiben der arianischen Geistlichkeit 
kaum vorhanden, um so mehr an der ihm thöricht erscheinenden Unterbrechung der mili- 
tärisch und politisch so wichtigen Communicationen der Reichspost. In ähnlicher Weise 
beschäftigt ihn bei Liberius' Falle eigentlich nur das allgemeine Reichsinteresse an der 
Erhaltung der kaiserlichen Autorität. 

Ein Hemmniss für die ihm nothwendig scheinende Bestrafung des Bischofes der 
ewigen Stadt lag in der auch sonst bezeugten Liebe, welche Liberius dort entgegen- 
gebracht wurde.* Deshalb ,konnte er kaum, aus Furcht vor dem Volke, mit grosser Mühe 
mitten in der Nacht weggeführt werden'. 

Die ErwShlung des Papstes Damasus L 

Die Verwaltung des römischen Stadtpräfecten von 367 n. Chr. wurde gestört durch 
Fortdauer einer im September* des vorangegangenen Jahres ausgebrochenen Fehde zwischen 
den Anhängern zweier nach der päpstlichen Würde strebenden Geistlichen. Der Geschicht- 
schreiber konnte die Angelegenheit schlechterdings nicht unerwähnt lassen. Als er sein 
Werk etwa um 395 n. Chr. publicirte, war doch das Christenthmn zu einer so siegreichen 
Macht geworden, dass eine Entschuldigung wegen des Eingehens auf die, so arge Aus- 
schreitungen hervorrufenden Fehler der römischen Geistlichkeit gerathen war: ,es wird ge- 
nügen, dass wir bis hieher unsre Bahn verlassen haben, jetzt wollen wir zum Zusammenhange 
der Begebenheiten zurückkehren'.^ Zwei oder drei rein politische Momente — wie wir 



^ ... in qua scrutanda perplexius quam componenda gravius excitavit discidia plurima, quae progressa fusius aluit concer- 
tatione verborum. XXI 16, 18. Gibbon, Kapitel 21, S. 479 hat die W^ichtigkeit der in dem ganzen Satze enthaltenen Mit- 
theilungen hervorgehoben und eine zwar freie, aber anmuthlge und wesentlich zutreffende Uebersetzung geliefert, welche 
ich fUr den hier im Original gegebenen Satztheil dem Leser vorlege: Instead of reconciling the parties bj the weight of 
bis authority, he cherished and propagated, by verbal disputes, the differences, which bis vain curiosity had excited. 

' ut . . . rei vehiculariae succideret nervös. 

' . . . dum ritum omnem ad suum trahere conantur arbitrium. XXI 16, 18. 

* . . . aegre populi metu, qui eins amore flagrabat. XV 7, 8. ... i^ydcjca h Ta>v TcjfjüsCtov §f]p.o;. Sozomenus IV 15, p. 160 ed. 
Reading. Quo in exilium ob fidem truso omnes clerici juraverunt, ut nuUum alium susciperent. Hieronymus in Eusebi chron. 
ed. Schoene II 194. 

^ Jaff^, regesta Pontificum ed. I, p. 18, ed. II, p. 37. 

' Hactenus deviasse sufficiet, nunc ad rerum ordines revertamur. XXVII 3. 15. 



Ammianus Margellinüb und die Eigenart seines Geschichtswerkes. 19 

solche in dem Liberius-Excurse als Anlass oder Vorwand bei Besprechung christlicher 
Differenzen kennen gelernt haben — führt der Autor an, welche seine Schilderung be- 
gründen. Die Entzweiung der beiden christlichen Parteien führte zu blutigen Händeln, 
welche den neuen, unbescholtenen, klugen, in seiner Amtsführung sonst ungestörten Stadt- 
präfecten erschreckten und sogar einmal in die Vorstadt zu weichen nöthigten, * und ,die 
lange Verwilderung der unteren Classen konnte später kaum gemildert werden.' 

Er geht auf die Vorgeschichte der Entzweiung nicht ein. Er erwähnt nicht einmal, 
dass der zum Siege gelangte, also neue Papst Damasus (366 bis 384) zu den Anhängern 
des gegen seinen Vorgänger Liberius aufgestellten, aber keineswegs arianischen Gegenpapstes 
Felix II. gehörte und durch den vorjährigen Stadtpräfecten (wohl am Tage der Weihe: 
1. October 366) förmlich in sein Amt eingesetzt und von der Regierung überhaupt, 
vielleicht gerade Felix des Zweiten halber, begünstigt wurde.^ 

Ammian hat nur den Conflict zwischen den Bewerbern Damasus und Ursinus im Auge: 
Beide ,über menschliches Mass entbrennend, um den bischöflichen Stuhl an sich zu reissen', 
bis es zu blutigen Kämpfen kam, gegen welche der Stadtpräfect unmächtig war. Die 
Zahl von hundert siebenunddreissig Todten, welche an einem Tage ,notorisch* (constat) 
in einer Basilica nach der Information unsres Autors gefallen sind, steht einer christlichen 
zeitgenössischen Quelle nach, welche hundert und sechzig nennt.^ Hieronymus bemerkt 
ausdrücklich und aus bester Kunde, dass ,höchst grausame Ermordungen von Personen 
beiderlei Geschlechtes' stattgefunden haben.* 

An diese gräulichen Scenen knüpft Ammianus (§. 14 und 15) zunächst Bemerkungen, 
welche seinem heidnischen Gesichtspunkte entsprechen. Diese blutigen Kämpfe seien nur 
eingetreten, weil die Sieger sicher sein konnten, ,durch Geschenke von Damen bereichert 
zu werden, sorgfältigst gekleidet in Wagen sitzend einherzufahren, üppige Gastmähler zu 
veranstalten, so dass sie die königlichen Tafeln übertreffen'. 

Dann aber folgt die für einen der Kirche nicht Angehörigen seltsame Belehrung, 
welche doch, wie wir sahen, am Schlüsse entschuldigt wird. Er führt der römischen 
hohen Geistlichkeit zu Gemüthe: ,sie konnten wahrhaftig glückselig sein, wenn sie mit 
Verachtung der, von ihnen den Lastern gegenüber geltend gemachten, Stadt, in Nach- 
ahmung einiger Vorstände (d. h. Bischöfe) in der Provinz leben würden. Diese empfehlen 
als Reine und Ehrwürdige der ewigen Gottheit* und deren wahren Anbetern die magere 
Kost, das gar spärliche Trinken, auch die Billigkeit ihrer Gewände und die auf den Boden 



^ Viyentius, integer et prndens Pannonins, cnius administratio quieta fuit et placida . . . Sed hunc quoqne discordantis populi 
seditiones termere, quae tale negotium excitavere. — ViventiuB . . ., coactus vi magna secessit in suburbannm. XX VH 
3, 11 und 13. 

* Regesta pontificam ed. n, p. 36 und 37. — Duchesne (vgl. oben S. 16, Anm. 4) erweist DamasuB* I, p. 213 abgedruckte 
Biographie theils dort in den Notes explicatives, theils in der Introduction unter Date du über pontificatis XLV, n. 12 als 
unglaubwürdig in Daten wie Thatsachen; namentlich ist Damasus* Einsetzung statt durch den Prftfecten, durch eine Synode, 
wie später des Papstes Symmachus, dessen Geschichte nachgebildet, Ursinus* Beschenkung mit dem Bisthume Neapel 
erfunden. 

' Jaffa, regesta ed. I, p. 18, H, p. 37. 

* . , . crudelissimae interfectiones diversi sexus perpetratae. Eusebi chron. ed. Schoene II 197. 

'^ Zu perpetuo numini XXI 3, 15 vgl. oben S. 10, Anm. 4 und 5. Julianus am 6. Januar 361 progressus in eonun (Ghristlanorum) 
ecclesiam — wahrscheinlich in Vienne — soUemniter numine orato discessit XXI 2, 66. — Anderseits verkündet 867 der 
christliche Kaiser Valentinian I. den Truppen bei Erhebung seines Sohnes Gratianns zum Augustus: prospera Deo spondente. 
XXVII 6, 6. 

3* 



20 y. Abhandlung: Max Büoinghb. 

gericliteteii Augenbrauen'. Das kann auch eine, schwerlich wirksam gewordene Vorstellung 
für die hohe römische Greistlichkeit sein, durch Aenderung ihrer Lebensweise und ihres 
Auftretens die Gemüther religiös gesinnter Heiden zu gewinnen. 

§. 5. Das Walten der rSmi sehen Monarchie. 

Die göttliche Verehrung der Kaiser, wie sie sich seit Augustus', besonders aber etwa 
dreihundert Jahre später seit Aurelianus' Zeiten als ein wesentliches Stück heidnischer 
Religiosität ausgebildet und als eine Unterthanenpflicht gestaltet hatte, ist in dem letzten 
Viertel des vierten Jahrhunderts als so gut entwickelt anzusehen, dass Ammianus' Zeit- 
genosse Vegetius in seinem militärischen Handbuche als eine durchaus zweifellose Thatsache 
diese Göttlichkeit bemerkt. Es geschieht in der Form, dass Jedermann dem Imperator, 
wenn er den Augustus-Namen erhalten hat ,wie einem gegenwärtigen und körperlichen 
Gotte getreue Hingebung zu leisten hat*. Es ist ein schwaches Zugeständniss an das zum 
Siege gelangte Christenthum , dass dies noch durch die Einsetzung des Kaisers von 
Gott begründet wird. Allen älteren Zeitgenossen muss doch noch, als Ammianus eben in 
den Neunzigerjahren des vierten Jahrhunderts sein Werk allmählich publicirte, in 
Erinnerung gewesen sein, wie man unter der Regierung des am 26. Juni 363 gefallenen 
oder ermordeten Kaisers Julianus noch etwa sechsunddreissig der bisherigen Kaiser als 
feierlich anerkannte Götter und dazu eine auch nicht geringe Zahl von Frauen der kaiser- 
lichen Familien als Göttinnen zu verehren hatte.* Zidetzt ist wohl noch, vermuthlich 
im Jahre 364, der christliche Kaiser Jovianus durch die ebenfalls christlichen Kaiser 
Valentinianus und Valens unter die Götter aufgenommen worden.* 

Ganz so direct wie bei Vegetius wird die Huldigungspflicht für den Gott -Kaiser bei 
Ammianus niemals ausgesprochen. Immerhin haben wir (S. 13) gesehen, wie er selbst bei 
Jovianus' Charakter eine läuternde Wirkung zur Sittenreinheit von der gleichsam über- 
irdischen Kraft der kaiserlichen Würde erwartet. Seine Charakteristiken verstorbener 
Reichsregenten lassen, wie sie jedesmal am Schlüsse ihres Lebens vorgeführt werden, ihren 
guten Eigenschaften genug Raum, um das Ansehen oder die göttliche Einsetzung des 
römischen Kaiserthums nicht zu coijipromittiren. So weit geht seine Hingebung an die 
jedesmal herrschenden kaiserlichen Familien, dass er es für ein ,unsühnbares Verbrechen, 
zu rechnen, zu den schmählichen Verlusten 'des römischen Staates* erklären zu müssen 
glaubt, wenn Constantius' hinterlassene Tochter auf ihrer Reise zu dem ihr bestimmten 
Gemahle Kaiser Gratianus nicht vor naher Gefangenschaft bei den Quaden durch den 
betreffenden Provincialrector nach Sirmium gerettet worden wäre.* So hoch er des Kaisers 
Julianus Verdienste und Kriegsthaten schätzt, niemals würde er einen, einem officiellen 
Rechtfertigungsschreiben desselben an den Kaiser Constantius beigelegten Privatbrief mit 
Beschimpfungen und Bissigkeiten veröffentlicht haben, selbst wenn er es für erlaubt 
gehalten hätte, ^ch Einsichtnahme in diese Beilage zu verschaffen.* 



^ Mommsen, Römisches Staatsrecht' II 737, wo sich auch die betreffenden Satztheile ans Vegetius II 5 finden, dann S. 791, 

Anm. 2 und S. 805, Anm. 7 und 8. 
' . . . benignitate principum, qui ei successerunt inter Divos relatus est. Eutropius 10, 18 ed. Hartel; X, XVIII, §. 2 ed. Bühl. 
* Evenisset profecto tunc inexpiabile scelus, numerandum inter probrosas rei Romauae jacturas ... — Hoc casu prospero 

regia virg^ne pericnlo miserae servitutis exempta. XXIX 6, 7 und 8. 
^ Zur Schilderung von Jnlianus* Grossthaten in Gallien instnimenta omnia mediocris ingenii, si suffecerint, commoturus. 

XVI 1, 2. Dazu kann man sein ebenfalls wahres Bedauern über sein mediocre ingenium bei Beschreibung von Krieg^- 



AmMIANüS MaRCBLLINÜB ÜKD DIB ElOJSNART BBINB8 GeBGHIGHTSWBRKES. 21 

Nach Allem kann es uns nicht überraschen, wenn er sich für strenge Handhabung 
der gesetzlichen Autorität erklärt. Zum Jahre 356 rühmt er den Leiter des kaiserlichen 
Hauptquartiers wegen seiner erhabenen Standhaftigkeit und ,ebenso' wegen seiner löblichen 
Strenge^* bei gerichtlichen Untersuchungen mit Folterungen. Er hat solche Qualen ge- 
legentlich wie zur Abschreckung des Lesers geschildert, besonders eingehend und allem 
Anscheine nach als Augenzeuge, wenn nicht Mitwirkender,* in widrigen Einzelheiten bei 
einer in Antiochia auf des Kaisers Valens Befehl im Jahre 371 vorgenommenen Inquisition 
von angebHchen Anhängern eines nach dem Throne strebenden Notars, Im Jahre 359 
hat er das Verfahren zu schildern, welches wegen Majestätsbeleidigungen gegen Egypter 
und Syrer in dem palästinensischen Skythopolis von einem zu diesem Zwecke von Con- 
stantius ernannten Bevollmächtigten bösen Rufes vorgenommen wurde: ,dass schärfer bei 
diesen Angelegenheiten inquirirt wurde, tadelt mindestens Niemand, der richtiges Ver- 
ständniss hat; denn wir stellen nicht in Abrede, dass die Wohlfahrt des rechtmässigen 
Herrschers, des Vorkämpfers und Vertheidigers der Guten, bei dem die Wohlfahrt gesucht 
wird, in vereinter Bemühung Aller gesichert werden muss'. ,Aber es ziemt sich nicht, bei 
traurigem Justizverfahren masslos zu frohlocken, damit es nicht scheine, als ob die Untef- 
thanen nach Willkür regiert werden, nicht durch Amtsbefugniss.^^ 

Ein nach der Gründung der neuen kaiserlichen Hauptstadt Constantinopel bei Am- 
mianus überraschendes Correlat der kaiserlichen Würde ist dessen Lobpreisung der alten 
Residenz Rom, in welcher freilich sein Geschichtswerk die heutige Gestalt — so weit wir 
es eben besitzen — erhalten haben wird. Er spricht einmal von einer ,Zeit, da mit den 
ersten Auspicien zu einem die Welt bestrahlenden Glänze Rom sich erhob, welches zu 
leben bestimmt ist, so lange es Menschen gibt'. Der Kaiser Constantius ,betritt Rom als 
die schützende Gewalt des Reiches und aller Tugenden'.* 

§. 6. Der Kampf gegen die Germanen. 

Mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Erbitterung äussert sich unser Autor zuweilen 
über die Germanen. Er vergleicht sie mit wilden Thieren, ,gewohnt, durch die Nachlässig- 
keit der Wächter vom Raube zu leben^^ Zum Jahre 369 berichtet er von einem nach 
geschlossenem Frieden stattgehabten Ueberfalle der Sachsen. ,Obwohl nun irgend ein ge- 
rechter Beurtheiler des Herganges die That als eine treulose und hässliche verklagen wird, 
so wird er doch nach Erwägung des Sachverhaltes nicht unwillig empfinden, dass der ver- 



maschinen XXIII 4, 1 nehmen. — His litteris junctas secretiores alias, Constantio, offerendas clanculo, misit objurgatoriaa 
et mordaces, quarum seriem nee scnitari licuit, nee, si licuisset, proferre decebat in publicum. XX 8, 18. 

^ Mavortius tunc praefectus praetorio vir sublimis constantiae . . . seyeritatis itidem non improbandae. XIX 12, 17. 

' XXIX 1, 23 und in §. 24: addici post cruciabiles poenas vidimus multoB. Es ist doch nicht unmöglich, dass Ammianus 
damals noch die Charge eines Protectors hatte; dann passt auch auf ihn XXIX 3, 8: in hoc negotio protectores ad ex- 
hibendas missi personas de fustibus praeter solitum caesi. — Ein Gegenstück zu jener bildet eine auf Valentinianus* I. Befehl 
vorgenommene Inquisition im Jahre 366: XXVI 10, 9 und 13. 

' Et inquisitum in haec negotia fortius, nemo, qui quidem recte sapiat, reprehendit. Nee enim abnuimus , salutem legitimi 
principis, propugnatoris bonorum et defensoris, unde salus quaeritur, eonsociato studio muniri debere cunctonim. — Sed 
ezultare maestis casibus effrenate non decet, ne videautur licentia regi subjecti, non potestate. XIX 12, 17 und 18. 

* Tempore quo primis auspiciis in mundanum folgorem Bürgeret victura dum erunt hotnines Borna. — Proinde Romam in- 
gressus (Constantius Augustus) imperii virtutumque omnium larem. XVI 6, 3 und 10, 13. 

^ . . . ut bestiae eustodum neglegentia raptu vivere solitae. XVI 6, 17. 



22 y. Abhandlung: Max Büdinoer. 

derbliche Räuberhaufen endlich, da sich eine Gelegenheit bot, gefasst worden ist.^^ ,Nach- 
dem dies so erwünscht vollbracht war^ meint der Verfasser, des Kaisers Valentinianus I. 
gelungene Aufhetzung der Burgunden gegen die Alamannen erzählen zu sollen. 

Nun muss man doch erwägen, dass Ammianus, soweit unsre Kunde reicht, niemals 
persönlich an einem Kriege gegen irgend welche Germanen theilgenommen hat. Dagegen hat 
er selbst von dessen Ausbruche bis zum Ende an dem damaligen Kriege gegen die Perser, 
also in den Jahren 359 bis 363, steten Antheil genommen und, wie wir früher (S. 11) ge- 
sehen haben, den freilich kaimi vermeidlichen ungünstigen Friedensschluss des Kaisers 
Jovianus beklagt. So viel er nun auch von den damaligen römischen Kämpfen gegen die 
Perser berichtet, so grosse Gefahren auch ihm selbst in den Kämpfen mit diesem streit- 
baren Volke erwuchsen, so genau er sich über dessen Anschauungen und Sitten, über dessen 
Vorzüge und Laster uliterrichtet zeigt — niemals finden sicli Aeusserungen eines natio- 
nalen und gleichsam den Göttern genehmen Hasses gegen die Perser, wie er sie oft genug 
bei den Kämpfen der Römer seiner Zeit gegen die Germanen anwendet. 

Mit peinlichen Empfindungen mag er, nur eben die Thatsachen berührend, zum 
Jahre 354 Constantius' Krieg und demüthigen Friedensschluss mit den Alamannen ge- 
schildert haben, jenen Frieden, den des Kaisers Anrede an die Truppen in erster Linie 
bezeichnet als geschlossen, ,um Mars' Ungewissheiten zu vermeiden'.* Julianus' Sieg von 357 
über dieselben Alamannen bei Argentoratum preist er als eine göttliche Gnade, eine , Gunst 
der himmlischen Macht'.* Das Gefecht war freilich von Julianus unter ungünstigen Be- 
dingungen, mit unzureichenden Streitkräften unternommen worden. So mag sich denn 
einigermassen erklären, dass der nächste Sieg über dasselbe germanische Volk, errungen 
durch die Schlacht von Argentaria im Jahre 377, den doch nur ein Feldherr des freilich 
anwesenden Kaisers Gratianus unter günstigeren Bedingungen gewann, nur kühl und kurz 
gefeiert wird.* Den Göttern wird hier kein Dank gesagt, wie denn der Autor ihren Cult 
im Fortgange seiner Darstellung und vollends gegen das Ende mehr und mehr zurück- 
treten lässt. Bei der entsetzlichen Niederlage des römischen Heeres durch die Gothen bei 
Adrianopel am 9. August 378, noch gesteigert durch das für den römischen Namen so 
beschämende Verschwinden der Leiche des hier umgekommenen Kaisers Valens^ — in 
dem demüthigenden Berichte über diese Schlacht hat Ammianus die sonst gewohnten Aus- 
drücke bei Seite gelassen. Weder seine Götter sammt dem Schicksale, noch sein pflicht- 
gemässer, gleichsam religiöser Hass gegen die Germanen empfangen Elrwähnung. Es 
gewährt ihm nur einige Versöhnung, dass der Angriff auf die Stadt Hadrianopolis selbst 
abgewehrt und so der verwüstende Abzug der Gothen und der ihnen verbündeten ,gar 
kriegerischen Hünen und Alanen'^ bewirkt werden konnte. 



^ Ac licet jostofl quidam arbiter rerum factum incusabit perfidom et deforme, pensato tamen neg^otio non feret indigne manum 
latronum exitialem tandem copia data captam. — Post haec ita prospere consummata Valentinianus cet. Alamannorum . . . 
immanis natio. XXVm 5, 7 und 8. 

' . . . primo ut Martis ambigua declinentur. XIV 10, 14. 

"... favore supemi numinis . . . XVI 12, 62. 

* Hac laeti successus fiducia Oratianus erectns. XXXI 10, 11. 

* niud tamen certum est . . . nee Valenti sepulturam, qui supremitatis bonor est, contigisse. XXXI 13, 17 . . . quem inter 
medios certaminum turbines oppetisse, vel certe ad tugurium confngisse, ubi aestimatus est vi periisse flammanim, penitus 
ignorabant. XXXI 16, 2. 

* At GK>tbi Hunis Halanisque permixti nimium bellicosis et fortibus . . . agros . . . vastavere. XXXI 16, 3. 



Amhianub Margbllinus und dis Eiobnart BEINES Geschichtswerkes. 23 

Viertes Kapitel. 
Kriegsdienst. 

§. 1. XatlonalitBt. 

Indem uns der Autor allmählich näher tritt, erkennen wir aus seiner Nachahmung 
Taciteischer Composition und gelegentlich entsprechender Redewendung sein ernstes Be- 
mühen, die lateinische Sprache, welche er für sein Geschichtswerk gewählt hat, bestens zu 
handhaben. Freilich hat man schon im Jahre 1692 an der Universität Leyden erkannt,* 
dass man sich an die scheinbare Entschuldigung nicht halten dürfe, welche der letzte 
Satz des Werkes mit den Worten bietet, der Verfasser sei Grieche. Man erkennt bald in 
ihm einen genauen Kenner der besten römischen Prosaiker, wie ihm denn vor Allem 
Cicero's Schriften gegenwärtig sind und vielfach mit Glück citirt werden. Auch wurde schon 
damals bemerkt, dass er als Antiochener guter Herkunft von Jugend auf mit dem Latei- 
nischen bekannt war, auch bei Uebersetzung einiger griechischer Worte einmal das Lateinische 
mit ,wir sagen** gleichsam als seine zweite Muttersprache in Anspruch nimmt. HinzufUgen 
lässt sich, dass er die lateinische Bezeichnung für den von dem Kaiser Julianus stets im 
Frieden getragenen groben Rock als auf Einfältigkeit der gemeinen Redeweise zurück- 
gehend bezeichnet und das correcte griechische Wort schreibt.' 

Aber abgesehen von den überaus zahlreichen griechischen Citaten aus Homer, aus 
Dichtem verschiedener Zeiten, von Orakelsprüchen und Weissagungen findet sich wieder- 
holt der Gebrauch von griechischen Worten mit dem Zusätze ,wir sagen^ ,benennen* oder 
,griechische Redeweise bezeichnet es so^* Zuweilen gebraucht er für griechische technische 
Ausdrücke lateinische Buchstaben.* Allmählich nimmt doch dieser Gebrauch von griechischen 
Worten zur Erklärung ab und findet sich überhaupt nicht in den vier letzten Büchern. 
Die in denselben vorkommenden griechischen Citate von Orakel- und Wahrsagungsversen, 
wie einzelne Worte etwa (XXX 4, 3) Platon's und Epikur's kommen filr die Spraöhenfrage 
insofern nicht in Betracht, als sie auch jeder Gebildete aus der Westhälfte des Reiches 
verwenden konnte. Der frühere Verlegenheitsgebrauch griechischer Worte legt doch die 
Vermuthung nahe, dass Ammianus erst allmählich die volle Sicherheit der historischen Dar- 
stellung in lateinischer Sprache gewonnen hat. Dass es für Libanios sehr erfreulich war, 
ein lateinisches Werk des antiochenischen Mitbürgers in Rom günstig beurtheilt zu wissen, 
haben wir gesehen, auch dass er ihn allem Anscheine nach für philosophisch gleich- 
giltig gegen Glücksgüter und für anhänglich an Befreundete hielt, recht als ,Griechen 
und Soldaten'. 



^ Jacobi GronoTii ad Cosmum III. . . . dedicatio (vgl. Anhang I) bei Wagner, t. I, p. IX und X. 

* Quidam enim figmento Deae caelitus lapso anb tou TCEOEtv, qnod cadere nos dicimus, arbem (Pessinunta) adseraere cogno- 
minatam. XXU 9, 7. 

* 9iaupa, quam ynlgaris simplicltas sosumam appellat XVI 6, 6. 

* Dicimus, appellamus mit oder ohne vorangehendes nos oder nt nos: XIV 11, 18 9avtaa(ac für visa nocturna. XVIH 6, 22 
6p{^ovtac für terrarum ambitns. XXU 16, 28: tou icupd« nach: ad ignis speciem, nm das Wort Pyramide zu erklären, die in 
einen Kegel ende. XXDI 6, 20 SioßoCveiv für transire. BtottoacDv für nitor igneus (=» Stella transvolans) XXV 2, 6. — ato(iou< 
XXVI 1, 1. — Die Wendung senno Oraecus appellat: XXI 1, 8 teOshUv« für fixa fatali lege decreta. XXVI 1, 8. Cc»$taxov 
für polo signifero. — Zahlreiche griechische Worte gebraucht er ohne Weiteres XX 3, 4 und 9 bis 11 für Erklärung von 
8onn'- und Mondfinsternissen. 

' Besonders auffällig: XIX 4, 7 (lues) pandemus . . . epidemus . . . loemodes (d. h. Xoi(jKü$y](). 



24 V. Abhandlung: Max BOdinobb. 

Ammianus' religiöse Richtung ist nicht eigentlich national ausgeprägt, obwohl sie dem 
Griechen eher als dem Römer entspricht. Wie seine heidnischen Ueberzeugungen sich 
gelegentlich mit warmer Anerkennung christlicher Lehren und Organisationen verbanden, 
dürfte eine nicht häufige Ausnahme bilden. Eine tadellos züchtige Haltung in der histo- 
rischen Darstellung — obwohl er auch Unschönes von Hünen und Alanen zu berichten 
hat — und in seiner Lebensanschauung scheint doch in den höheren Gesellschaftskreisen 
dieser Zeit nicht selten gewesen zu sein; um so entrüsteter äussert er sich über Aus- 
schweifungen, wo immer er solche bemerkt. Tief durchdrungen ist er von der Pflicht des 
Gehorsams gegen den Inhaber der kaiserlichen Gewalt, wenn auch Manches gegen den- 
selben auszusetzen sein mochte — eine Empfindung, welche unter den Griechen nicht 
allzu häufig zu finden gewesen sein mochte. Wie von einem religiösen Fanatismus ist er 
erfüllt von einer tiefen Abneigung gegen die unbezwinglichen und für das Römerreich 
allerdings gar bedrohlichen Germanen; diesen gegenüber hält der sonst so ehrenhafte 
Mann auch in mehr hellenistischer Weise Vertragsbruch für entschuldbar. 

§. 2. Dienstzeit 

Wir haben früher mit leidlicher Sicherheit feststellen können,* dass Ammianus um 
das Jahr 330 in Antiochia geboren sein dürfte, im Jahre 353 bereits zu den kaiserlichen 
Garden ersten Ranges (protectores domestici) gehörte und sich noch im Jahre 357 als zu 
den jüngeren Leuten (adulescentes) gehörig, im Gegensatze zu den Aelteren (natu majores) 
bezeichnen konnte. Das von ihm für das jugendliche Alter gebrauchte Wort wird aber 
von seinem älteren Zeitgenossen, dem Geschichtschreiber Eutropius,* für den einundzwanzig- 
jährigen Pompejus und den achtzehnjährigen Octavianus derart gebraucht, dass man an- 
nehmen kann, der frühere Gebrauch des Wortes, etwa bei Cicero und Livius, fiir die 
Wehrpflichtigen bis zum zurückgelegten fünfundvierzigsten Lebensjahre sei zu Ammianus' 
Zeit ausser Gebrauch gewesen. Das erklärt sich auch einfach genug, da die Recrutirung 
und durch Altersgrenzen geregelte Militärpflicht der römischen Bürgerschaft republikanischer 
und einigermassen noch beginnender Kaiserzeit seit Jahrhunderten ausser Gebrauch ge- 
kommen war.* ,Aeltere' seniores im Gegensatze zu den juniores, vom siebenund vierzigsten 
Jalire an, noch zum Kriegsdienste wie im dritten vorchristlichen Jahrhundert thatsächlich 
und dann noch lange, nach ihrer eigenen Meinung rechtlich verpflichtete Bürger hat es im 
beginnenden zweiten nachchristlichen Jahrhundert nicht gegeben. In der ersten Hälfte des- 
selben ist ,nach dem Muster gemalter Landkarten' eine Art Auszug römischer Geschichte 
aus Livius entstanden, in dessen Einleitung die Existenz des römischen Staates albern 
genug nach vier Lebensaltem abgetheilt wird. Da folgt auf die Kindheit der Königszeit 
die frühe Jugend der hundertundftlnfzig ersten Jahre der Republik, welche man adule- 
scentia nennen könnte; dann erst kommt bis auf Augustus' Zeit ,die wahre Jugend 
(Juventus) und gleichsam kraftvolle Reife'; das schöne Exempel schliesst mit dem durch 
Kaiser Trajan wieder jugendlich gestalteten Alter.* Man sollte doch meinen, dass schon 



^ Vgl. oben im zweiten Kapitel Seite 6 und 7 mit den entsprechenden Anmerkungen. 

* Pompejum . . . adulescentem Sylla atque annos unum et Tiginti natom . . . praefecerat. — Octavianus adnlescens annos X 
et Vm natas. Entropi 1. V, c. 8 (« 6); 1. VH, c. 1 ed. Hartel. Sonst Forcellini (1839) s. v. adolescens. 

' Mommsen, Die ConscriptionBordnang der rOmischen Kaiserseit. Hermes XIX (1884) 9, 21, 61, 62, 72, 212, 220 bis 226, 229. 

* Juli Flori epitomae ed. Halm p. 8. 



Ammianüs Marcellinus und die Eigenart seines Geschichtswbrkes. 25 



daxaals die adulescentes für jünger als die juvenes gehalten wurden, zu welchen man in 
diesem Falle auch Ammianüs' ,Aeltere' ,natu majores' zu zählen haben würde. 

Am Schlüsse seines Werkes bezeichnet er sich als aus dem Militärdienste geschieden: 
miles quondam. Die Zeit, in welcher er seinen Abschied erhielt, ist nicht mit Sicherheit 
zu bestimmen. Zum letzten Male erwähnt er sich selbst mit den Truppen auf dem Rück- 
zuge aus Persien nach Julianus' Tode als kampfbereit unter des neuen Kaisers Jovianus 
Oberbefehl im Juli 363/ Nach dem mit den Persem geschlossenen Frieden können wir 
seine Anwesenheit bei dem überaus beschwerlichen und allmählich sich schmachvoll ge- 
staltenden Rückmärsche des römischen Heeres nach Syrien verfolgen, nachdem er Zeuge 
der Räumung der an Persien abgetretenen Stadt Nisibis von ihren bisherigen, nun ver- 
zweifelnden Bewohnern gewesen war.* Zuletzt finden wir Ammianüs als zur Armee ge- 
hörig erwähnt bei dem Einmärsche des Heeres in Antiochia, von wo doch der neue Kaiser 
bald ,in seltsamer Ungeduld' wieder abzog.* Den Erlebnissen nach der Dienstzeit werden 
auch die üblen Erfahrungen beizuzählen sein, welche er mit orientalischen Advocaten zu 
machen hatte.* 

Von da an werden die Nachrichten über Jovianus nur flüchtig gebracht, wie es denn 
nicht richtig sein kann, dass dieser Kaiser von Ancyra, wo er am 1. Januar 364 mit 
seinem kleinen Sohne den Consulat feierlich antrat, bald nach Datastana, wo er starb, 
weiter gezogen sei;* denn noch vom 16. Februar 364, also einen oder zwei Tage vor seinem 
Tode, ist ein von ihm gegebenes Gesetz ,gegen Raub und Ehe jungfräulicher Nonnen^ aus 
Ancyra datirt.^ Das Datum des Tages, an welchem Jovianus todt im Bette gefunden 
wurde/ nennt Ammianüs nicht; die Angaben über die Todesursache scheinen aus Eutropius 
entnommen zu sein, wenn auch die Wortfolge geändert und Einiges hinzugefügt ist,® wobei 
freilich Eutrop's Stil sich als der weit natürlichere ergibt. 

Es liegt ja sehr nahe, die wohlgelungene und recht ins Einzelne gehende Schilderung 
des neuen Kaisers Valentinianus I., wie er durch ungeschickte Haltung^ die anzuredenden 
Truppen fast zu einer Rebellion bringt — diese drastischen Sätze auf Ammian's Augen- 



* Cum staremuB ut pugnaturi, gradnm sensim referentes, moris dluturnis excruciabant (Persae) XXV 6, 11. 

' XXV: Dam nos impendentium aerumnarum opprimit timor. ... 8, 4. Et via sex dierum emensa, cum ne g^amina quidem 
invenirentur , solacia necessitatis extremae, . . . venere . . . cibos ferentes. 8, 7. Post quae itinere festinato, Nisibi cupide 
Visa, extra urbem stativa castra posuit princeps. 8, 17. 

' XXV: His hoc modo peractis discursisque itineribas Antiochiam veuimus. 10, 1. Moratum paulisper Antiochiae principem 
cnrarumqae ponderibns diverais adflictum exenndi mira capiditas agitabat. 10, 4. 

* , . . indignitate . . ., quam in illis partibus expertus sum. XXX 4, 4. Doch nicht als agens in rebus? 
^ Hinc quoque Jovianum celeri gradu praescriptus vitae finiendae dies exegit. XXV 10, 12. 

* Lex 2 cod. Theodos. (ed. Hänel 1842, p. 898 sq.), 1. IX, tit. XX de raptu vel matrimonio sanctimonialium virginum vel 
viduarum. Reinesius hat Ancjrae für Antiochiae der Handschriften conjicirt, was Hänel billigt, ebenso XV kal. Mart., was 
eine einzige Handschrift bietet, für das in den meisten übrigen stehende XI kal. Mart 

* Decessit imperii mense septimo (vielmehr octavo nach Julianus' Tode am 26. Juni 863), quarto (in mehreren Codices) oder 
tertio (Cod. Fuldensis) decimo kal. Mart. aetatis, ut qui plurimum vel minimum tradunt, tertio et tricesimo anno. Eutropius 
X 18 ed. Hartel = X, XVIH 2 ed. Rühl, der ,tertio decimo' in den Text setzt und in der praefatio p. XIX gemäss dem 
von p. VI bis X Erörterten begründet. Auch H. Droysen (M. G. Auctores antiq. 11 182) hatte tertio gesetzt. 

® Eutropius B. f. Ammianüs XXV 10, 13. 

Multi exanimatum opinantur nimia cruditate, inter Fertnr enim recenti calce cubiculi illiti ferre 

coenandum enim epulis indulserat, alii odore cubiculi, odorem nozium neqnivisse uel extuberato capite perisse 
quod ex recenti tectorio calcis grave quiescentibus erat, succensione prunarum immensa aut certe ex coUuvione 
quidam nimietate prunarum, quas gravi frigore adoleri ciborum avida cruditate distentus. 
multas jusserat. 
' Eoque (Valentiniano), ut expeditius loqueretur, brachium exertante, obmurmuratio gravis exoritnr concrepantibus et mani- 
pulis cet. XXVI 2, 3. 
Denlucliriften der phil.-hist. CImm. XLIV. Bd. V. Abh. 4 



26 V. Abhandluno: Max Büdinger. 

Zeugenschaft in Nicaea zurückzuführen, wo die Truppenhuldigung stattfand. Doch lässt sich 
die Beschreibung des Herganges leicht genug auch aus Mittheilung von Kameraden erklären. 
Man wird daher die Vermuthung äussern können, dass Ammianus in seiner Heimat 
Antiochia aus dem Heeresverbande, vielleicht noch im Herbste des Jahres 363, für immer 
getreten sei. Mit Sabinianus, welcher nach des viel gepriesenen Ursicinus Absetzung' sein 
Befehlshaber geworden war, hatte er nie freundliche Beziehungen gehabt, wie auch seine 
Urtheile über denselben höchst ungünstig sind. Er zeichnet diesen Günstling des Hofes, 
speciell des bei Constantius so einflussreichen Eunuchen Eusebius, als träge, genusssiichtig 
und von ,hartnäckiger Feigheit'.^ Seinem bewunderten Feldherm im Perserkriege, dera 
Kaiser Julianus, dürfte er niemals näher getreten, auch nie zu einem Gespräche mit 
demselben gelangt sein, da er solche Beziehungen in seinem Geschichtswerke nicht 
unerwähnt gelassen haben würde. Jovianus' Erhebung zur Kaiserwürde war ihm überaus 
unerwünscht. Wir haben früher (S. 13) gesehen, wie anstössig ihm dessen Privatleben 
erschien, und wie er von der Majestät dieses höchsten Amtes eine bessernde Rück- 
wirkung auf Jovianus' Fehler erwartete; die übliche Charakteristik nach dessen Tode 
ist des Autors Hingebung an das Interesse der römischen Monarchie genügend ent- 
sprechend,* um die Laster in den Hintergrund treten zu lassen. Die in gleichgiltigem 
Tone gehaltene Nachricht über Jovianus' Tod* zeigt genügend, dass Ammianus dem 
Verstorbenen kein freundliches Andenken bewahrte. Dass er schwerlich, wenn auch 
möglicherweise, noch mit dem Range eines Protector Domesticus, vielleicht zu den Com- 
missären gehörte, welche im Jahre 371 die peinliche Frage an angeblichen Hochverrätbem 
zu leiten hatten, wurde früher bemerkt.* 

§. 3. Bedenkliche Erlebnisse« 

Die Richtigkeit der Mittheilungen aus Ammianus' Leben als Soldat wird man im All- 
gemeinen anzunehmen haben, wie denn die geringe uns ermöglichte Controle zu seinen 
Gunsten ausfällt.^ Die Prüfung der von ihm unter seinen Erlebnissen als besonders merk- 
würdig bis in Einzelheiten erzählten wundersamen Begebenheiten führt aber zu einem weniger 
beruhigenden Ergebnisse. 

Die erste und vielleicht gefährlichste Action war die, welche er mit den früher (S. 6) 
erwähnten neun anderen Herren von Ursicinus' Gefolge® zu Silvanus' Vernichtung, des bis- 
herigen am Niederrheine mit der Residenz in Köln Commandirenden , welcher sich von den 
Truppen zum Kaiser hatte ausrufen lassen, ins Werk setzte. Das Gefolge wird nicht an der 
Thatsache gezweifelt haben, welcher unser Autor nach so vielen Jahren in guter Laune Aus- 

^ . . . pertinaci ignayia. XX 2, 3. — Von dessen Trägheit und Genusssucht ist oben im dritten Kapitel §. 3 ,Sittenreinheit' 
zu Anfang gesprochen. 

* XXV 10, 14 und 15. 

' Vgl. oben 8. 25, Anm. 8. 

« Vgl. Kapitel III, §. 5, S. 21. Die Vermuthung ruht auf XXIX 1, 23. 

^ H. Sudhaus, de ratione, quae intercedat inter Zosimi et Ammiani de hello a Juliano imperatore cum Persis gesto rela- 
tiones (Bonn 1870) erweist das für diesen Feldzug aus einer noch zu besprechenden Quelle. Mit den von Lindenbrog, 
Heinrich Valois und Gronov im siebzehnten Jahrhunderte gegebenen, und in der Waguer-Erfurdt'schen Ammianus-Edition 
im zweiten und dritten Bande auszugsweise wiedergegebenen Belegen und Prüfungen der sämmtlichen Angaben des Autors 
wird man übrigens den in der Zosimus-Edition Immanuel Bekker's von 1837 (Bonner Byzantinersammlung) von Heyne über- 
arbeiteten Commentarius historicus von Reitemeier trotz seiner Schwächen für Ammianus Werthschätzung doch gern be- 
nutzen: von Seite 366 bis 390. 

^ ... ad juvandas necessitates publicas ei conjunctis. XV 5, 22. 



AmMIANUS MaRCELUNUS und DIB ElOBNART SEINES GeSCHIGHTSWERKES. 27 

druck gibt, dass sie dort ,Alle mit ^iner Grabschrift getödtet worden wären, wenn man 
ihre Absichten entdeckt hätte^^ Ursicinus trieb die Verstellung so weit, dass er dem 
übrigens christlichen Silvanus die Anbetung als Kaiser leistete. Das Gefolge gerieth, da 
Silvanus' Truppen nach Italien geführt zu werden verlangten, etwa wie im Jahre 69 
Vitellius' Legionen, in grosse Aufregung und suchte durch Nachforschung die zu Silvanus' 
Ermordung geeigneten Männer unter den Soldaten zu finden, was denn auch bei ohnehin 
Unzuverlässigen gegen reichen Lohn gelang;* ein Haufen Bewafineter drang mit Tödtung 
der Wachen in den Palast und hieb den auf dem Wege zum Morgengottesdienste über- 
raschten, in einer Nische sich verbergenden Prätendenten mit ihren Schwertern nieder. 

Das Alles wird genau erzählt sein, wie es verlief. So dürfte es auch mit der 
Rettung eines von seiner Mutter in der Angst vor den sengenden Persem verlassenen, 
goldgeschmückten Knaben stehen, den Ammianus bei einer Recognoscirung unweit Nisibis 
weinend auf der Strasse fand imd nach der Weisung seines Vorgesetzten zurückreitend 
in Sicherheit brachte,' wobei er fast von den Feinden gefangen worden wäre. 

Aber bald folgt der Bericht von einer andern, ebenfalls in das Jahr 359 gehörigen, 
bedeutendem Expedition. Er erhält den Befehl, zur Erforschung der militärischen Situation 
und Absichten der Perser sich mit einem zuverlässigen Centurionen* zu dem Satrapen von 
Corduene, des armenischen Grenzlandes gegen Mesopotamien, zu begeben; dieser war als 
Geisel in Syrien aufgewachsen, führte den — wohl damals nur scherzhaft ihm von Römern 
gegebenen — Namen Jovinianus und war von den klassischen Studien derart angezogen 
worden, dass er ,lebhaftes Verlangen trug zu uns zurückzukehren, es insgeheim mit uns 
hielt'.^ Ammianus will bestens von ihm aufgenommen und nach Mittheilung seines Auf- 
trages einem schweigsamen Führer zugewiesen worden sein, der ihn ,nach sehr hohen 
und von da weit entfernten Felsen brachte, von denen, wenn nicht die Schärfe der 
Augen mangelte, fast vierundsiebzig Kilometer weit auch das Geringste sichtbar war'.*^ 
Erst in der Frühe des dritten Tages sahen sie das persische Heer, ,den ganzen Hori- 
zont mit unzähligen Schaaren bedeckend', voran ,den König' selbst ,in röthlich leuchtender 
Kleidung* zwischen zwei genannten Unterkönigen, dann die Befehlshaber verschiedenen 
Ranges, welchen die , Menge aller Grade folgte* ,durch lange Wechselfälle gegen Strapazen 
abgehärtet*. ,Nachdem die Könige die riesige Stadt Niniveh in Adiabene passirt hatten und 
in der Mitte der Brücke über den grossen Zab' Opferthiere geschlachtet waren, deren Ein- 
geweide Günstiges versprachen, giengen sie sehr fröhlich hinüber.* Von geringem Interesse 
für uns ist die nun folgende Nachricht, dass Ammianus und seine Begleiter hierauf rasch 
zu der gastlichen Pflege des Satrapen zurückkehrten, nachdem sie erwogen hatten, dass 
die Heeresmasse erst am dritten Tage die römische Grenze überschreiten könne; dann eilten 
sie, die rechtzeitige Alarmirung der zunächst bedrohten Provinz Mesopotamien zu bewirken. 



Qui (adpetitus) si eluxissent intempestive, constabat nos omnes sab elogio iino morte multandos. XV 5, 26. 

In hoc aesta mentis . . . scmtabamur inda^ne . . ., at . . . Bollicitarentur (milites) . . . flazioris fidei et ad momentum omne 

versabiles. XV 5, 30. 

. . . imposito eqiio prae me ferens ad civitatem reduco. XVIII 6, 10. 

. . . cum centnrione quodam fidissimo XVIII 6, 21. 

. . . in solo Romano adulescens, nobiscnm occulte sentiens ea gratia, qnod obsidatos sorte in Syriis detentus et dnlcedine 

liberalium stndioram inlectus remeare ad nostra in^nti deaiderio gestiebat. XVIU 6, 20. 

adjnncto tacitumo aliquo locoram perito mittor ad praecelsas rapes exinde longe distantes, nnde nisi ocnlomm deficeret 

acies, ad quinquagesimnm nsque lapidem (das sind 73,935 Meter) quodvis etiam minatissimom apparebat. XVIII 6, 21. 

fluminibus Anzaba et Tigride XVIII 6, 19 scheidet Beide deutlich genug. Für die angebliche Vogelschau empfiehlt sich 

hier, den Anzaba mit dem nördlichen, grossen Zab gleichzusetzen. 

4* 



28 V. Abhandluno: Max Büdinoer. 

Es wird nicht zu bezweifeln sein, dass Ammianus seiner Instruction gemäss durch die 
freundliche Hilfe jenes Satrapen von Gordyene von einer uns nicht bekannten Felsenhöhe, 
vielleicht des Zagrosgebirges, bei besonders günstigen Bedingungen reiner Luft das An- 
rücken des persischen Heeres mit dessen Führern an der Spitze bis zu einer Brücke 
über den grossen Zab beobachten konnte^ und dann eihg die nöthigen Vorsichtsmassregeln 
im römischen Grenzgebiete veranlasste. Im Uebrigen wird man den Bericht über das 
Gesehene zum grössern Theile für ein Phantasiestück zu halten haben. Kühn ist schon 
die Bestimmung des Aussichtsgebietes auf fünfzig römische Meilen, auch wenn die Zahl 
nur als approximative Schätzung gelten soll. Eine riesige Stadt Niniveh hat allerdings 
existirt, war aber schon etwa ein Jahrtausend vor der Veröffentlichung dieses Berichtes 
zerstört worden. Es ist nicht wohl glaublich, dass auch das schärfste Auge von jener un- 
bekannten Höhe die Eingeweideschau und das ,sehr frohe* Aussehen der weiter schreitenden 
oder reitenden Könige erkennen konnte. 

Ueber die Frage, ob der Perserkönig dieser Zeit Rinder geopfert und aus den Ein- 
geweiden derselben sich die Geschicke der nächsten Zukunft habe weissagen lassen können, 
muss ich das definitive Urtheil den Kennern persischer Religionslehre dieser Zeit und 
wohl des Mazdaismus überhaupt anheimgeben. So viel ich sehe, ist ein Argument für 
diese Anwendung etruskischer Haruspicin, welche im römischen Heere vier Jahre später 
noch die Erhebung des christlichen Kaisers Jovianus zu rechtfertigen hatte,* durch einen 
Perserkönig nicht nachzuweisen, obwohl uns aus dem Jahre 361 Ammianus selbst berichtet, 
dass der Perserkönig auf ungünstige Auspicien^ sein Heer von einem Feldzuge gegen den 
Kaiser Constantius zurückkehren Hess. Wenn der eigentlich monotheistische, obwohl der 
Magierlehre vielfach folgende König Xerxes I. auf der Stätte von ,Priamos' Pergamon* kn 
Jahre 480 vor Christo der Athene von Ilion tausend Rinder opfern liess, so zeigten die 
Magier durch ihr Trankopfer für die Heroen,* wie wenig sie das von dem Könige Ge- 
schehene billigten. 

Femer sind Opfer von weissen Pferden an Gewässern als persischer Religion ent- 
sprechend genügend bezeugt;^ aber als ein schweres Vergehen — wenn auch vermuthlich 
nicht wie die Verunreinigung des Feuers mit dem Tode bestrafbar — betrachten es die 
persischen Priester, wenn bei einem Opfer am Wasser, dieses nächst dem Feuer heiligsten 
Elementes, dasselbe durch Blut verunreinigt wird; die Opferung findet daher in einer 
Grube neben dem Wasser statt, ^ wie uns aus des Kaisers Tiberius Zeit gemeldet wird. 
Dem entsprechen doch auch die Opfer, welche auf den Brücken bei dem Uebergange über 
den Hellespont im Jahre 480 v. Chr. dargebracht wurden: der König goss, nach Sonnen- 
aufgang betend, in das Wasser aus einer goldenen Schale, welche er dann mit einem 
goldenen Mischkruge und persischen Schwerte auch in das Wasser warf; schon vorher 
waren mancherlei Wohlgerüche auf den Brücken geopfert und auf deren Bahnen Myrthen 

^ Postquam reges Nineue Adiabenae ingenti civitate transmissa, in medio pontis Anzabae hostiis caesis extisque prosperantibiis 

transiere laetissimi ... ad Satrapen reversl quievimus hospitalibus officiis recreati. XVin 7, 1. 
' . . . hostiis pro Joviano extisque inspectis. XXV 6, 1. 

' . . . nuntiatur, regem cum omni manu, quam duxerat, ad propria revertisse, auspiciis dirimentibus. XXI 13, 8. 
* . . . r^ 'AOijvoCt) Tji ^IXiiSt lOuae ßou« X^^^> X^ ^^ ®^ Mdcyoi tot? ^po>ai ix^avTo. Herodot VII 43. 
' . . . I( Tov Urpujxova . . . ol Mayot IxaXXtplovTo o^d^ovicc %ncou( Xeuxouc. Herodot VII, 123. — ... ripam ad Euphratis . . . sacri- 

ficantibus, cum hie (Vitellius) more Romano suovetaurilia daret, ille equum placando amni adornasset. Tacitus ab excessu 

D. Augusti VI 37 zum Jahre 35 n. Chr. 
" rou; hk ^uaij^avta^ ?) vExpov hz\ icup O^vTa; ^ ßoXßitov SovaToufft "Rü 8^ Q§«ti . . . ßoOpov opu^avis; sE$ toutov afayiaCovrai, ^uXarrdixEvoi 

^tJ Ti xou nX7]7iov udocTo^ aI(Jiax,Osi'] b>( (xtaivouvts^. Strabo XV 732 Gas., 3, 14 p. 1021 Meineke. 



Ammianus Marcbllinus und die Eigenart seines Geschichtswerkes. 29 

gestreut worden/ Und der Perserkönig des Jahres 359 sollte auf einer Brücke blutige 
Opfer gebracht und Weissagung aus Eingeweiden der über dem Wasser geschlachteten 
Thiere geschöpft haben! Es ist öäpür II., welcher damals in seinem flinfzigsten Lebens- 
und Regierungsjahre stand* und auf welchen die Tradition der persischen Theologie das 
Verdienst zurückführt, einen ,Text und Commentar' (Avesta und Zend) der persischen 
Religion drohend als Weltgesetz verkündet und hiemit die Magier zu einer Art Vollherrschaft 
erhoben zu haben. 

So darf ich wohl als wenig glaubwürdig bezeichnen, was Ammianus auf der Brücke 
über den grossen Zab gesehen zu haben behauptet. Das ihm Günstigste wird noch sein, 
wenn man annimmt, der ihm zugetheilte Hauptmann, jener ,getreueste Centurio* (S. 27), 
habe den ihm bekannten Vorgang etruskischer Wahrsagerei bei Säpür und seiner Um- 
gebung zu erkennen und dann ihre Gesichter erheitert zu sehen gemeint. 

Bei einem andern Berichte ist aber eine so freundliche Auskunft nicht möglich. Es 
handelt sich um unsres Autors Verhalten und Entkommen bei dem schmählichen Verluste 
von Amida (Diarbekr) an die Perser. Diese erschienen bei der Sorglosigkeit der Ver- 
theidiger unerwartet vor der Stadt. Zwei illyrische Reiterabtheilungen, welche das An- 
marschterrain des Feindes beobachten sollten, versäumten den Dienst in Trunkenheit und 
Schlaf. Unser Autor selbst, der mit Anderen, um den persischen Vormarsch durch 
geeignete Massregeln zu hemmen, nach Samosata designirt war,^ sah eines frühen Morgens 
mit seinen reisefertigen Gefährten das Leuchten der persischen Bewaffnung vor und bald 
über der Stadt. Bei dem Kampfe gegen die von mehreren Seiten angreifenden Feinde, 
während zugleich die erschreckte, durch einen Jahrmarkt vermehrte Bevölkerung den 
Zusammenhang der Truppenaufstellung durchbricht, gelingt es Ammianus und Anderen 
endlich, auf schmalen Pfaden gleichzeitig mit rasch nachgedrungenen Persern nach Ein- 
bruch der Dunkelheit unter die Mauern zu kommen, wo er in die dichte, selbst dem 
Sturze der Erschlagenen nicht Raum bietende Masse eingekeilt eine fiirchtbare Nacht zu 
verbringen hat: seinen höchsten Vorgesetzten, den dux Sabinianus, hatte er noch mit 
einem Tribunen und einem Diener zu Pferde entkommen sehen. In diesem Zustande der 
Aufregung will er in seiner Nähe, ja vor sich einen Soldaten gesehen haben, welchem der 
Kopf durch einen gewaltigen Schwerthieb in zwei Theile auseinandergespalten war und 
der doch ,wie ein rings eingepresster Pfahl hing^* Er selbst bekennt, durch die Nähe 
der Mauer gegen die von derselben entsendeten Wurfgeschosse gesichert gewesen zu sein 
und Morgens durch ein Hinterpförtchen Eingang, während der persischen Einnahme der 
Stadt auch Ausgang, gefunden zu haben. 

So mag es nur seiner Leichtgläubigkeit zugeschrieben werden, wenn er bei der 
Erwähnung von des Kaisers Constantius Ableben den Bericht über dessen letzte Krankheit 
dahin illustrirt, es habe sich ,mit übergrosser Hitze ein solcher Brand in den Adern' ein- 



» Herodot VII 64. 

' Th. Nöldeke, Geschichte der Perser und Araber zur Zeit der Sasaniden. Aus der arabischen Chronik des Tabari (1879), 
S. 410, 417. Die Geschichte seines Römerkrieges bei Tabari ist, wie Nöldeke S. 59, Anm. 4 bemerkt, aus einem syrischen 
Roman über Julian und Jovian geschöpft. 

° . . . nos (? auch der commandierende Sabinianus?) disposuimus properare Samosatam, ut . . . hostiles impetus . . . repelleremus. 
XVIII 8, 1. 

^ . . . ut miles ante me quidam discriminato capite, quod in aequas partes ictus gladii fiderat validissimus, in stipitis modum 
undique coartatus haereret. VIII 8, 12. 



30 V. Abhandluno: Max BOdinoer. 

gestellt, ,das8 man seinen wie eine Kohlenpfanne glühenden Körper nicht einmal berühren 
konnte'.^ 

Ich denke, dass man Ammianus' Erzählungen mit grösserer Vorsicht, als bisher ge- 
schehen, benützen sollte. 

Fünftes Kapitel. 
Historiographische Urtheilskraft. 

§. 1. Zwei ehristliehe YorgBnger. 

Wenn im Anfange dieser Untersuchungen dem Bedauern Ausdruck zu geben war, 
dass Ammianus sich nicht mit den drei für ihn wichtigsten älteren Universalhistorikern 
Polybios, Diodor und Trogus beschäftigt und hiedurch seiner Darstellung eine positivere 
Grundlage gegeben hat, als ihr die blos äusserliche Nachahmung von Tacitus' Büchern 
gewähren konnte, so tritt uns jetzt ein Mangel anderer, sehr erheblicher Art entgegen. 
Er hat sich, so viel man sieht, gar nicht mit den Geschichts werken der beiden christ- 
lichen Schriftsteller beschäftigt, welche je in der ersten Hälfte des dritten und vierten 
Jahrhunderts die Universalhistorie auf neue Wege gewiesen haben. Nicht ausgeschlossen 
ist ja freilich die Möglichkeit, dass ihrer in den verlorenen dreizehn ersten Büchern an 
den geeigneten Stellen gedacht war. Es sei immerhin gestattet, hier diese Vorgänger und 
ihre Verdienste wie ihre Schwächen ins Auge zu fassen, um Ammianus^ uns wie oft genug 
ihn selbst, verwirrendes Verfahren der Composition mit seinen Wirkungen, seinem Zeit- 
alter gemäss, beleuchten zu können. 

Der ältere dieser beiden Vorgänger, Sextus Julius Africanus,* ist Kriegsmann gewesen 
wie Ammianus; aber zum Unterschiede von diesem kennen wir nicht seinen Rang in der 
Armee; allem Anscheine nach Libyer, war er doch wie Ammianus beider Reichssprachen 
mächtig, wenn er auch seine Schrift in griechischer Sprache publicirte. In den Kriegs- 
jähren 194 und 195 war er in Syrien beschäftigt und in einer parthischen Grenzprovinz, 
also in denselben vorderasiatischen Landen, von denen uns Ammianus berichtet. Schon 
damals Christ wurde er mit einem christlichen Könige in Edessa befreundet, dessen von 
211 bis 216 regierenden Sohn er auf Jagden begleitete. Es sind Theile einer von ihm 
verfassten Realencyklopädie erhalten, welche er , Stickerei^ (Kestoi) nannte, wie sein Zeit- 
genosse Origenes ein Hauptwerk: ,Teppiche* (Stromata); diese , Stickerei* vornehmlich natur- 
wissenschaftlichen und ärztlichen, gelegentlich anstössigsten Inhaltes und mit Recepten 
egyptischer Zaubermittel bereichert, bot Ammianus ftlr seine meist überflüssigen Excurse 
zu oft Material, als dass man nicht ihre, der Kestoi, Benützung bei ihm vermuthen sollte; 
den Nachweis ihrer Verwerthung bei unserm Autor zu ftihren will ich doch Anderen über- 
lassen. Im Uebrigen muss man bei der Seltsamkeit der , Stickerei' erwägen, dass die noch 
von Ammianus (XXII, 16, 17 bis 22) so gepriesenen Ueberlieferungen der Egypter auch 
vielfach von den Christen unbefangen und bewundernd übernommen wurden.* 



^ . . . urente calore nimio venas, nt ne tangi quidem corpus eins posset, in modum foculi fervens . . . XXI 15, 2. 

* Ich folge hier den sorgfältigen Forschungen in dem diesen Namen fahrenden Werke von Heinrich Geizer I (1880), 

S. 1 his 39. 
' Geizer I 17 hebt das mit Recht hervor, indem er auch den schon von Theodor Keim ,Rom und das Ghristenthum' (herausg. 

von H. Ziegler, Berlin 1881), 8. 650 f., in seinem Werthe erkannten, von einer unreifen Kritik für unecht erklJbten Brief 



Ammianus Marcellinus und dib Eigenart bsxnes Geschightbwbrkes. 31 

Dieses Einleben des Christenthums in die bestehenden menschlichen Ordnungen und 
Schwächen muss man sich vergegenwärtigen, um die Thatsache zu würdigen, dass gerade 
durch Africanus die Universalhistorie zu einem religiösen Zeugnisse gestaltet wurde. Nicht 
als ob es ihm, der in Wirklichkeit nur der Wahrheit dienen wollte, an Kritik auch an- 
geblich biblischer, unechter Ueberlieferungen gefehlt hätte. Durch zwei noch erhaltene, 
in späteren Jahren verfasste Schriften hat er mit heiterm Scharfsinne die Nichtigkeit der 
Susanna-Geschichte, wie der Erfindung von priesterlichen und königlichen Stammeltem 
Jesu erwiesen. 

So bezeichnen die fünf Bände seiner Chronographie eine Epoche in dieser Literatur. 
Im Gegensatze zu allen griechischen wie römischen Voraussetzungen sind ihm die Moses' 
Namen tragenden Bücher heilig und die älteste historische Autorität. Auf sie gestützt geht 
seine Zeitrechnung von der Erschaffung Adam's, also dessen erstem Jahre aus und zählt 
solcher Jahre — vermuthlich julianischen Kalenders — 5723 bis zum Abschlüsse seines 
Werkes in des Kaisers Elagabal drittem Regierungsjahre, also 221/222 nach Christi Geburt, 
welche freilich nach Africanus' Commando in das Jahr Adam's 5500 zu fallen hat. Da 
lag ein gänzlich auf biblisch-christlicher Grundlage ruhendes Werk vor, welches doch in 
einer aus den erhaltenen Trümmern nicht mehr zu controlirenden Weise auch griechische 
und römische historische Literatur • eingearbeitet aufwies. Eine mit so grosser Mühe und 
einem auf diesem Gebiete neuen, consequent bewahrten religiösen »Affecte durchgeführte 
Darstellung hätte Ammianus von mancher Seitenbewegung seines Geschichtswerkes ab- 
gehalten. 

In weit höherm Grade gilt das jedoch von des Bischofs von Cäsarea Eusebios, 
Pamphilos' Sohnes, universalhistorischen Arbeiten. Allerdings hat Lord Henry Boling- 
broke's Genius aus unzureichender Kunde das Urtheil gefeilt, Eusebius habe nur die 
Wasser getrübt,^ und selbst Gibbon's Scharfsinn hat ihm für die Kirchengeschichte nur etwas 
weniger Leichtgläubigkeit und mehr höfischen Takt als seinen gelehrten Zeitgenossen zu- 
erkannt.* Handschriftliche Entdeckungen des ersten Buches der Chronik und vornehmlich 
eindringende Studien haben aber in unsrer Zeit das Urtheil über Eusebios überaus günstig 
gestaltet, vollends als Universalhistoriker. Neben seinen umfassenden, vielseitigen Kennt- 
nissen sind seine vollkommene Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe in helles Licht getreten.* 
Seine Abweichung von der bisherigen christlichen Chronographie begründet er mit den 
einfachen Worten: ,ich habe mir mit Eifer vorgenommen, die Wahrheit in hohen Ehren 
zu halten und mit Genauigkeit zu erforschen'.* 

Seines, durch die Eusebianische^ Kirchengeschichte ohnehin antiquirten, Vorgängers 
Africanus gedenkt er nur im ersten, die eigentliche Chronographie enthaltenden, Buche 
seiner Chronik und auch hier nicht mit Achtung;^ im zweiten, in Parallelaufstellung die 



Hadrian's aus Egypten citirt, das Zusammenleben der dortigen religiösen Bekenntnisse zu ver deutlichen : devoti sunt Serapi, 
qui se Christi episcopos dicunt . . . nemo Christianomm presbjter non mathematicus, non hamspex, non aliptes. (Vopisci 
Satuminus 8, 2.) 
^ Vgl. meine Züricher Antrittsvorlesung von 1861 in Sjbel's Historischer Zeitschrift VH 126. 

* The decline and fall of the Roman empire (ed. Halifax 1848) I, p. 346, chap. XVI. 
» Geiser H* 23, 94, 97. 

* 'Eyu 8s )CEpi icoXXou tov akrfir[ X^yov TijMofj^^of xai tb cbcpiß^ avt^veuan icpoiy8i|i)f]v. Eusebi chronicorum libri duo ed. Alfred Schoene. 
Tomus U (1866), p. 4 mit dem Doppeltitel: Eusebi chronicorum canonum quae supersant, während der erste, 1876 er- 
schienene Tomus den Doppeltitel führt: Eusebi chronicorum liber prior. 

^ Er nennt ihn nicht einmal unter den zehn fttr vorrömische Qeschichte genannten Geschiehtschreibem, darunter so gering* 
wertbige wie Thallos und Kephalion: Eusebi chronicorum liber prior 263 sqq. mit Gelaer^s Bemerkungen U' 23 bis 35. 



32 V. Abhandluno: Max BCdinger. 

Einzelgeschichten der gebildeten Menschheit an dem Faden der biblischen Geschichten be- 
handelnden, und als synchronistischer Kanon ebenfalls bis auf seine eigene Zeit reichenden, 
Theile hat er Africanus weder erwähnt noch benutzt. Recht zum Unterschiede von dessen 
blindgläubigen Berechnungen kann Eusebios als der früheste christliche Kritiker der Bibel 
bezeichnet werden. Er zuerst hat, von den Fictivzahlen der Exoduszeit absehend, den 
König David als in die fünfte Generation von der Exodus an gehörig eingereiht.^ Mit 
offener Absage von der ihm sonst so theuren hebräischen Darstellung beginnt er die 
glaubwürdige Geschichte in der Bibel erst mit Abraham's Geburt. Die Jahre dieser — 
statt der unhaltbaren, in Byzanz als weise tradirten Aera von Adam bei Africanus — 
durch ihn aufgebrachten Aera werden bis auf das Jahr 325 nach Christo unsrer Zählung 
numerirt und sind dann weiter geführt worden. Hieronymus hat um das Jahr 380 in 
Constantinopel Eusebios' synchronistische Tabellen in das Lateinische übersetzt* imd bis 
zu demselben Jahre 378 geführt, mit welchem Ammianus^ etwa anderthalb Jahrzehnte nach 
Hieronymus' Arbeit vollendetes Werk schliesst. 

Von Eusebios' grossartiger Neuschöpfung, geschweige denn von Hieronymus' Ergän- 
zungen derselben aus römischer Geschichte und der Weiterführung der Tafeln bis zu dem 
Ende seiner eigenen Arbeit findet sich bei unsrem Autor keine Spur einer Einwirkung, in 
den uns erhaltenen achtzehn Büchern auch, wie gesagt,* keine Erwähnung. 

§. 2. Personalsehi Iderungen. 

Mit Gerechtigkeit über einen Autor wie den imsrigen zu urtheilen, erschwert nächst 
der eben erörterten Abneigung desselben, sich von christlichen Schriftstellern irgendwie 
belehren zu lassen, auch der Umstand, dass er über eine ungewöhnliche Menge von Rede- 
wendungen, sonst unüblichen Worten, von Ermahnungen und Scherzen der meisten uns be- 
kannten lateinischen Poeten und Prosaiker verfügt. So gebraucht er auch bei seinen Urtheilen 
oft genug fremdes Gut. Ich denke aber nicht, dass man dies aus prahlerischen Motiven 
zu erklären hat, etwa aus ,seiner Sucht, seine Gelehrsamkeit anzubringen und seine Lese- 
früchte in seine Darstellung zu versteckend' Ich bin vielmehr der Ansicht, dass des Vete- 
ranen gutes Gedächtniss ihn verleitet hat, diese Lesefrüchte alter und neuerer Zeit — wie 
das an Gelliüs' Benutzung besonders erheiternd nachgewiesen ist — unbefangen in seine 
Darstellung aufzunehmen, und das um so mehr, als seine stadtrömische Zuhörerschaft an 
seiner oft gleichsam unmöglichen Ausdrucksweise keinen Anstoss zu nehmen verbildet genug 
war. Auch die Schwierigkeit kommt für unser Urtheil . hinzu , dass eine Interpretation des 
Textes, wie sie Mommsen schon im Jahre 1872 dringend empfohlen hat, noch heute nicht 
geliefert worden ist.* Immerhin dürfte mit der dermaligen Textgestalt eine Erörterung der 
hier zu beantwortenden Fragen schon möglich sein. 



^ Treffende Bemerkungen hierüber und über die EusebianiBche Aera von Abraham^s (Geburt bringt Geizer II' 42, 90 f. Auf 
anderm Wege bin ich selbst zur Ansetzung von Davids Zeit in die ftlnfte Generation seit der Exodus gekommen, in 
unsren akademischen Sitzungsberichten 1891, Band CXXV: de coloniarum quarundam Phoeniciarum primordiis cum He- 
braeorum exodo conjunctis p. 17 sqq. 

' lieber die der Uebersetzung gemachten, zum Theile ganz unbegründeten Vorwürfe äussert sich überzeugend: Otto Zöckler, 
meronymus' Leben und Wirken (1865), S. 343 bis 357, 383 f. 

' Hertz (vgl. oben 8. 2, Anm. 1) 301. 

* Gardthausen hat sich vor zwanzig Jahren auch das Verdienst erworben, die ^Lesungen der Gelenischen Ausgabe' in die 
seinige angenommen zu haben, aber nicht ,bei jeder einzehien kenntlich gemacht, ob sie auf Sabinus, Castellus oder 
Erasmus zurückgeht oder von diesen sich entfernt*. Mommsen ,über den kritischen Apparat zu Ammianus*. Hermes VI 242. 



Ammianus Marcellinub und die Eigenart beines Geschichtswerkes. 33 

Man wird bei unsres Autors Personalschilderungen zuerst die jedesmal dem verstorbenen 
Kaiser gewidmeten ins Auge zu fassen haben. Ueber diese wurde schon oben (S. 4) im 
ersten Kapitel bemerkt, dass sie nach Tacitus' Vorbild gestaltet werden sollten. Von 
diesem sind nur vier solche Personalschilderungen erhalten, welche den Berichten von dem 
Tode der Kaiser Tiberius, Galba, Otho und Vitellius unmittelbar folgen;* sie beginnen mit 
der Herkunft derselben und schildern dann ihren Charakter, berühren auch noch einmal 
die Hauptmomente ihres Lebens, wenn dessen Inhalt bedeutend genug erscheint, wie bei 
Tiberius und Galba der Fall war; der Nachruf an Tiberius in seiner knappen Form 
gehört doch zu den Meisterstücken der Geschichtschreibung, während der an Galba noch 
an rhetorischen Wendungen leidet; die kurze Schilderung Otho's geht in die Wiedergabe 
einer Wundergeschichte von einem Vogel aus, die für den grossen Historiker befremdlich 
ist; mit grosser Sorgfalt und reizender Erwägung jedes Wortes werden Vitellius' Geschicke 
und Eigenschaften mit dem Schlüsse erörtert, dass seine Besiegung nothwendig und doch 
unrühmlich für seine Verräther war. Ausdrücklich genannt werden ,gut^ und ,8chlecht* 
oder ,La8ter' und ,Tugend' oder thatsächlich einige gute Eigenschaften neben den Fehlem.* 

Dies ist das Muster, nach welchem der einstige kaiserliche Leibgardist die Schemata 
seiner Nachrufe für die Kaiser mit möglichster Regelrichtigkeit und ungewöhnlicher Hölzern- 
heit angelegt hat. Sechs Kaiser hatte er in den Büchern XIV bis XXXI nach dem, was 
er für Taciteische Vorschrift halten mochte, zu behandeln. Bei dem hingerichteten Caesar 
Gallus findet sich die gebührende Ordnung (XlV 11, 27 bis 29) zuerst angewendet: Alter, 
Herkunft, Eigenschaften; vor die letztere Nummer ist die, von nun an nie mehr ver- 
gessene, wenn auch in eine andere Rubrik gebrachte, Körperbeschaffenheit eingeschaltet, 
und geschichtliche Exempel sind angefügt; gute Eigenschaften waren von Gallus noch 
weniger als von Vitellius zu berichten; so ersetzt das der Bericht über die schöne Er- 
scheinung und den imposanten Bartflaum.* Ueber den Kaiser Constantius Hess sich gar 
viel berichten, so dass das Schema überfüllt werden konnte. Seine voraussichtlich in den 
verlorenen Büchern hinlänglich behandelte Herkunft wird gegen die Vorschrift ausgelassen, 
das ,Gute und Lasterhafte'* ordnungsgemäss vorgelegt, wobei sein Verhalten als Christ 
zuletzt mit einer oben (S. 10, Anm. 3) bemerkten Rüge erscheint; die Körperbeschaffenheit 
macht diesmal den Schluss. 

Noch Besseres liess sich, vollends von einem dessen religiöse Auffassungen wesentlich 
theilenden Geschichtschreiber, für den verstorbenen Kaiser Julianus erwarten. Anunianus 
kann sich hier, wie nach langem Zwange, in Freiheit bewegen. In überzeugender Weise 
ist doch nachgewiesen worden,^ dass er, obwohl Mitkämpfender bei dem persischen Feldzuge 
von 363, zur Grundlage seiner Darstellung desselben den von dem Kaiser zur Publication 
bestimmten und auch gelangten Bericht gewählt hat, welcher um die Mitte des folgenden 



^ Ab excessa D. Augusti VI 51. Historiae I 49, II 60, m 85. 

' Bei Tiberius: inter bona maiaque mixtus incolumi matre. Bei Galba: magifi extra vitia quam cum virtutibus. Bei Otho: 

tautundem apud posteros meniit bonae famae quam malae. Bei Vitellius: inerat tarnen simplicitas ac liberalitas. 
' . . . barba licet recens emergente lanugine tenera, ita tarnen ut maturius auctoritas emineret XIV 11, 28. 
* Auf Constantius' Regierungsdauer und Alter (XXI 16, 3) folgen zunächst Hofnachrichten, dann werden Gemahlin und 

Tochter erwähnt §. 6; hierauf c. 16, §.1: Bonorum igitur vitiorumque eins differentia vere servata, praecipue prima con- 

veniet expediri. Beides endet mit §.18. — §. 19 umfasst: figura tali situque membrorum. 
' In der oben S. 26, Anm. 5 erwähnten Dissertation von H. Sudhaus 97 bis 101. Doch ist S. 42 die im Folgenden von mir 

erwähnte Verwerthung von Polybios und Schilderung von Julian's gutem Verhalten mit einem pluribus verbis describit 

erledigt. 
Denkschriften der phlL-hist. Claase. XLIY. Bd. Y. Abh. 5 



34 V. Abhandlung: Max BOdinqbr. 

Jahrhunderts auch von Zosimos excerpiert worden ist. Verfasst war derselbe von Orei- 
basios, dem vielseitig gebildeten Arzte und Freunde Julian's. Zu dem, was Ammianus, 
aus eigener Beobachtung oder unmittelbarer Erkundung, selbst hinzugefügt hat, da es 
sich zur officiellen Publication in der That nicht eignete, dürfte auch gehören, was wegen 
Polybios' Verwerthung schon im Beginne dieser Untersuchungen (S. 2) berührt wurde. 
Es handelt sich um den fehlgeschlagenen Versuch der Einschlagung eines Thores bei der 
Belagerung einer persischen Festung; der Kaiser ,entkam unverletzt mit scheuer Röthe 
übergössen'.^ Ich denke, diese wenigen ehrenvollen Worte der Personalschilderung wiegen 
gar Vieles auf, was uns in dem Nachruf-Schema nach des Kaisers Tode geboten wird. 
Es beginnt mit Julian's Herkunft, dann wird (XXV 4, 1) die Reihe der zu behandelnden 
acht Tugenden angekündigt und glücklich mit §.15 erledigt; hierauf folgen die Laster in 
sechs, durch Vergleiche mit Hadrian und Marc Aurel sowie durch einen Aratus-Citat 
mildernden Sätzen; vor dem Rückblicke auf seine Kriegsthaten wird das Signalement seiner 
körperlichen Erscheinung geliefert (§. 22). 

Wie wenig sympathisch die Herrschaft seines frühem Kameraden Jovianus unsrem 
Autor gewesen ist, war früher (S. 20) bei Erörterung seiner religiösen Ueberzeugung 
von dem Walten der römischen Monarchie und seines Ausscheidens aus dem Kriegsdienste 
zu erwähnen. Doch hat er auch bei dem Nachrufe auf diesen Kaiser sein Schema mög- 
lichst redlich und unbefangen eingehalten. Es beginnt wiederum mit der Altersangabe, 
worauf unmittelbar das Signalement und dann erst die Charakteristik folgen.* Hiebei wird 
von dem Verstorbenen manches Gute erwähnt, dies Wort doch nicht gebraucht, wohl aber 
ist von Lastern die Rede. 

Der Nachruf an Valentinianus I. beginnt mit einer Art Entschuldigung des ,schon 
mehrfach* innegehaltenen Schemas, das von der Herkunft beginne und bis zum Tode die 
Thaten in einer üebersicht zu behandeln habe — man denkt an Tacitus' Muster bei 
Tiberius — dann gleichmässig Laster und gute Eigenschaften, um ,so das eigentliche Innere 
der Geister immer aufzudecken*.' Indem Ursprung, Jugend und Regierungsthaten behandelt 
werden, hat der Autor auch von diesem wie von Jovianus zu erwähnen, dass er einst 
ebenfalls zu den kaiserlichen Gardisten, den Protectores, gehörte. Ehe er ,Laster und 
gute Handlungen' des Verstorbenen Regenten vorführt, gibt er seiner ,Ueberzeugung' Aus- 
druck, jdass die Nachwelt, weder durch Furcht noch durch schmähliche Schmeichelei ge- 
bunden, eine unverdorbene Zuschauerin der Vergangenheit zu sein pflege'. Das ist ein 
Bekenntnis, welches trotz der entlehnten Worte nicht undeutlich erkennen lässt, wie 
Theodosius, als durch Valentinianus' Sohn Gratianus zur Kaiserwürde gelangt, das Andenken 
dieses Vorgängers nicht schmähen lassen wollte; auch Honorius' Regierung — wenn dieses 
dreissigste Buch nach Theodosius' Ableben publiciert worden ist — dürfte die ehren- 
werthe Tradition übernommen haben. Das Signalement wird gleich nach der Erzählung 



^ Evasit cam omuibus tarnen, paucis levius valneratis, ipse Innoxius verecando rabore suffusus. XXIV 2, 16. 

« XXV 10, 13 biß 16. 

^ Ich setze die seltsame auch für Tacitus^ Nachahmung, wie sie im ersten Kapitel behandelt worden ist, nicht unwichtige 
Aeusserung ganz hieher. Replicare nnnc est oportunum, ut aliquotiens fecimus, et ab ortu primigenlo patris hujnsce prin- 
cipis ad usque ipsias obitum actus ejus discurrere per epilogos brevls (!), nee vitiorum praetermisso discrimiue nee bonorum, 
quae potestatis amplitudo monstrayit, nudare solita semper animornm interna. XXX 7, 1. — Die nächste im Texte wieder- 
gegebene Entschuldigung ist 8, 1. — lieber Valentinian's Gelderpressungen fQr gesteigerte Militärausgaben, hatte er sich 
früher scharf genug und würdig geäussert: quoniam adest Über locus dicendi, quae sentimiis, aperte loquimur. Da tadelt 
er auch den Kaiser indeflexa saeritia punieutem gregariorum errata parcentem potioribus. XX VII 9, 4. 



Ammiands Margelunus und di£ Eigenart seiner Geschichtswerkes. 35 

der Herkunft dur ch Schilderung der ungewöhnlichen Körperkraft Valentinian's I. begonnen 
und am Schlüsse, nach der Schilderung der guten Thaten desselben, im Einzelnen beendet 
(XXX 9, 6). 

Der letzte in dem Rahmen von Ammianus' Geschichtswerk zu behandelnde Kaiser 
war Valens, der auf unbekannte Weise in der Schlacht von Adrianopel am 9. August 378 
umgekommene Bruder Valentinian's. Auch war mit des Letztem Herkunft die seinige 
vorgeführt. So kann der Nachruf mit Lebensalter und Regierungsdauer beginnen, dann aber 
sofort zu den guten und schlechten Eigenschaften übergehen; zu denen wird — doch so, 
dass es auch von den letzteren geltisn kann — bemerkt, dass sie Vielen bekannt seien ;^ der 
Nachruf soll keine Controlle zu scheuen haben, obwohl die Schilderung der Laster durchaus 
schonungslos, ja erbittert ausgefallen ist; wieder am Schlüsse steht, mit der Trägheit seiner 
Natur beginnend, die Beschreibung seiner Körpergestalt. Der ganze Nachruf wird mit 
einer Art Exclamation beendet, dass die mit der Zeitgenossen Erinnerung stimmenden 
Worte auf voller Wahrheit beruhen.* 

Einst hatte der Autor freilich bescheidener erklärt, er habe den Hergang der Begeben- 
heiten so erzählt, wie er die Wahrheit eben habe erforschen können, sei es, dass dieselben 
in eine Zeit fielen, da er schon erwachsen genug war, um sie zu beurtheilen, sei es, dass 
er von Leuten, welche sich inmitten der Begebenheiten befanden, durch gründliches Aus- 
fragen den Hergang erfuhr; das jetzt* Folgende wolle er nach Kräften besser ausgearbeitet 
erledigen — so dass man hier den Anfang des zweiten Theiles seiner Publication ver- 
muthen könnte. 

Die erstere Bedingung für das früher Erschienene trijQPt zu bei dem über Valens Ge- 
sagten, dass er zu dessen Beurtheilung als Herrscher erwachsen genug war; denn er mag 
um die Zeit der Schlacht von Adrianopel etwa fünfzigjährig gewesen sein. Aber es ist 
doch Thatsache, dass die zweite Bedingung des Ausfragens der Bestunterrichteten, also nächst 
den Ttuppenftthrern vor Allem an Valens' Hofe Beschäftigter, oft genug, wie die Zweifel 
und Lücken der Erzählung zeigen, nicht erfüllbar gewesen sind. Was gar die bessere 
oder ,gefeiltere' Ausarbeitung betrifi't, so möchte ich über dieselbe lieber kein Urtheil ab- 
geben, da kein Leser einen qualitativen Unterschied zwischen dem vierzehnten Buche und 
den folgenden entdecken dürfte. 

Immerhin wird man trotz der herausfordernden Sprache bei der ungünstigen Schilderung, 
welche dem Charakter des Kaisers Valens in dem erwähnten Nachrufe gilt, als Ergebnis der 
pedantisch geordneten Urtheile über die sechs Kaiser doch die Thatsache angeben können, 
dass Ammianus den Leser, von seiner Zeit an bis auf die unsrige, durch möglichst wahrhafte 
und orientirende Berichte über Natur und Leistungssumme dieser Regenten in hohem Grade 
verpflichtet hat. So ist auch die Empörung des einzigen eigentlichen Prätendenten in der 
von den erhaltenen Büchern begrenzten Zeit in derart einfacher und sachgemässer Weise 
geschildert worden, dass neuere Forscher, ohne Widerspruch zu finden, das Verdict ab- 



^ Cujus bona multis cognita dicemos et vitia. XXXI 14, 1. 

* Haec saper Valente dixisse sufficiet, quae vera esse aeqnalis nobis memoria plene testatur. XXXI 14, 8. 

' Utcumque potoimus veritatem scrutari, ea quae videre licuit per aetatem, vel perplexe interrog^do versatos in medio 
scire narravimus ordine casuom ezposito diversorum: residua, quae secuturus aperiet teztus pro Tirium captu limatius 
absolvemus. XV 7, 1. Michael (ygpl. oben S. 8, Anm. 2) irrt, wenn er aus dieser, nur vom fünfzehnten Buche geltenden 
Versicherung einen Schluss auf den von ihm geglaubten ersten Theil ziehen zu kOnnen meint 

6* 



36 V. Abhandlung: Max BOdinobr. 

geben konnten, Zosimos' — in der That phantastischer — Bericht^ müsse gegen den unsres 
Geschichtschreibers zurücktreten. 

Hier ist zunächst die Einreihung des Berichtes in den, dem Autor nicht genau be- 
kannten, Zusammenhang von Valentinianus* Alamannenkriege des Jahres 365 bemerkens- 
werth: um den ersten November sei diesem Kaiser in Paris die Nachricht von Procopius' 
Aufstande zugekommen.^ In, soweit ihm möglich, correcter Zeitfolge und von dem Gesichts- 
punkte der Regierung des römischen Gesammtstaates wird der Ausbruch der Rebellion 
erzählt. Zunächst wird Valentinian über die neue Gefahr betroflfen, lässt Pannonien gegen 
den Usurpator militärisch sichern und sich dann bewegen, seine nächste Sorge der Sicher- 
heit Galliens gegen die Anfälle der Germanen zuzuwenden. Das drückt dieser Kaiser 
hierauf pflichtgetreu mit den (XXVI 5, 13) einfach wiedergegebenen Worten aus, Procopius 
sei nur sein und seines Bruders Feind, die Alamannen aber seien die Feinde des ganzen 
römischen Reiches; dann trifft er auch geeignete Sorge für die Sicherheit der gefährdeten 
Provinz Africa. 

Da hat denn doch Ammianus genug historiographische Urtheilskraft, um zu erkennen, 
dass die Weitererzählung von dem erwähnten Gesichtspunkte, nämlich kaiserlicher Fürsorge 
fiir alle gleichzeitigen Aufgaben des Weltreiches, nicht länger durchführbar sei. Nunmehr 
wolle er die Begebenheiten nach der Reihe,® zunächst die im Oriente behandeln, da er 
sonst in eine wüste Unordnung gerathen würde. 

Im Oriente hat ihn demnach Procopius' Rebellion zu beschäftigen. Da aber dieser 
Prätendent doch durch einige Zeit in einem Theile des Reiches als Kaiser anerkannt 
wurde, so scheint sich der Autor verpflichtet gehalten zu haben, ihm auch einigermassen 
das kaiserliche Nachruf- Schema zu Gute kommen zu lassen. Es beginnt mit Procopius' Her- 
kunft, Seitenverwandtschaft mit dem Kaiser Julianus,* Sitten und Emporkommen bis zu Con- 
stantius' Tode; das gleichsam Taciteische Schema wird nach dem Berichte von des Usurpators 
Enthauptung fortgesetzt (9, 11): ,er ist neununddreissig Jahre und zehn Monate alt geworden, 
war von ansehnlichem Körper, ziemlich grosser Statur, etwas vorgebeugt, schritt immer auf 
den Boden blickend einher, nach seiner verschlossenen, düsteren Weise jenem Crassus 
vergleichbar, der nach Lucilius' und TulUus'^ Versicherung nur einmal im Leben gelacht 
hat; aber merkwürdiger Weise war Procopius, so lange er gelebt hat, nicht mit Blut 
befleckt.* Die Personalschilderung ist, ob auch in zwei Theilen geliefert, doch vollkommen 
genügend und für ihren Verfasser bezeichnend. Er erklärt übrigens als unbezeugt,^ ob 



1 IV 4 bis 8, S. 177 bis 182 ed. Bekker (Bonn 1837) mit dem Urtheile von Reitemeier-Heyne, p. 381: Ammiani narratio 
cum propter scriptoris auctoritatem et fidem, tum ob rerum ipsamm probabilitatem ceteris omnino est anteferenda. 

' Et circa id tempus aut non multo posterius (ein ehrenvolles Bekenntnis seiner lückenhaften Kunde) in Oriente Procopius 
in res surrexerat novas, quae prope Kalendas Novembris venturo Valentiniano Parisios (fehlen sechs Buchstaben) eodemque 
nunciata sunt die. XXVI 5, 8. 

* Er sagt sich und uns ganz hübsch, welche Schwierigkeit ihm das andere Verfahren geboten hätte: ne, dum ex loco subinde 
saltuatim redire festinamus in locum, omnia confundentes squaliditate maxima rerum ordines implicemus. XXVI 5, 15. 

^ . . . propinquitate Julianum postea principem contingebat. XXVI 6, 1. Zosimos (IV 4, p. 177) muss wohl in seiner Vorlage 
auch nichts Näheres gefunden haben: rouici) ^louXiavo; a>( yhtzi (Tuvanrro(jLivb>. Die Verwandtschaft braucht keineswegs, wie 
Wagner III 148 meint, von Julianus^ Mutterseite zu sein; Procopius selbst rühmt in der Ansprache an die Truppen von 
sich stirpis propinquitatem imperatoriae (XXVI 6, 18), was eher auf die Vaterseite weist. 

* Wie schon Lindenbrog bemerkte, ist Lucilius' Erzählung von Marcus Crassus orflXacrco^ von Cicero de finibus V 30 erwähnt. 
Mit solchen Ungenauigkeiten sein Werk zu verbrämen, hält eben Ammianus für erlaubt. 

* Hunc Julianus Persidem Ingrediens, consociato pari potestatis jure Sebastiano in Mesopotamia cum manu militum reli- 
querat valida mandaratque, ut susurravit obscnrior fama — nemo enim dicti auctor extitit verus — pro cognitorum ageret 
textu et si subsidia rei Bomanae languisse sensisset, imperatorem ipse se provideret ocius nuncupari. XXVI 6, 2. 



Ammianus Marcellinus und DIB Eigenart seines Geschichtswerkes. 37 

Julianus diesen Procopius jemals aufgefordert habe, sich eventuell als Kaiser ausrufen zu 
lassen. Die Darstellung seiner Empörung ist als tadellos zu bezeichnen. Den Autor selbst 
erinnerte dessen plötzliches Auftauchen an eine Theaterscene.^ 

Noch eine andere Auflehnung gegen die römische Herrschaft und somit auch gegen 
die kaiserliche Gewalt^ im nordwestlichen Africa bleibt uns schliesslich zur Erwägung. 
Es ist die, welche des Kaisers Theodosius, in der That hochverdienter und auch von 
Ammianus Marcellinus mit bewundernder Lobpreisung gefeierter, gleichnamiger Vater durch 
Klugheit und glückliche Truppenführung im Jahre 373 beendete. Firmus, einer von den 
vielen, den Vater überlebenden Söhnen eines unter den Mauren besonders angesehenen und 
mächtigen Fürsten, war wegen Tödtung eines Bruders mit der römischen, dazu ungeschickt 
von dem Statthalter geübten Justiz in Conflict und zu einer Rebellion gekommen, die ihn 
einige Zeit zum Befehlshaber einer grossen Truppenmacht und königlichen Herrscher in 
Mauretanien und Numidien machte. Soweit die lückenhafte Ueberlieferung von Ammianus' 
Texte in diesem Falle ein Urtheil gestattet, ist die, auf Grund einer sachkundigen und 
vielleicht auf den altem Theodosius indirect zurückgehenden Schilderung der Begebenheiten, 
gelieferte Erzählung des Bemerkenswerthesten überhaupt geschickt und anschaulich gerathen. 
Die Person des maurischen Fürsten mit allen seinen unzuverlässigen plötzlichen Wandlungen 
und Täuschungsversuchen, wilden Sorgen, muthigen Kämpfen, verzweifelten Fluchtversuchen 
tritt uns in fassbarer Klarheit entgegen; wenn er bei seinem Fluchtritte nach der letzten, 
verlorenen Schlacht als ,unbändig und zu seinem Verderben oft unbesonnen'^ bezeichnet 
wird, so entspricht das wie ein Resultat den bisher gelieferten Einzelheiten dieser Empörung. 
Wie er vor seiner Auslieferung durch einen scheinbaren Verbündeten, der in der That Theo- 
dosius' Gebote folgt, seine Wächter schlau zu berücken, sich einen Strick zum Erhängen 
zu verschafifen weiss, erscheint als ein passender und gut erzählter Schluss. 

Die besprochenen, trotz ihrer steifen Anordnung und ungeschickten Stilistik, über- 
aus instructiven Nachrufe und die zuletzt erwähnte Darstellung des Unterganges eines 
africanischen Rebellen dürften genügen, um die Befähigung des Geschichtschreibers für 
Personalschilderungen darzuthun. Ueberaus zahlreich sind die kurzen Sätze, in denen er 
auch in ausreichender Weise die geringeren Figuren der in seinen Büchern behandelten 
fünfundzwanzig Jahre zu zeichnen weiss. 

§. 3. YSlkersehilderungen. 

Wenn sich Ammianus Marcellinus für einen bestimmten Kreis der von ihm zu liefernden 
Personalschilderungen, wie in so mancher andern Beziehung, an Tacitus' Muster halten zu 
müssen glaubte, so sollte man eine ähnliche Nachahmung des grössten Historikers der 
Römer für die Disposition und bei Einzelheiten der unvermeidlichen Völkerschilderungen 
erwarten. Nun ist ja allerdings möglich, dass in dem einen und anderen der verlorenen 
Bücher sich der Autor etwa bei Beschreibungen germanischer und britischer oder auch 



^ ut in theatrali scaena simulacrum quoddam insigne per aulaeum vel mimicam cavillationem subito putares emersum. 

XXVI 6, 15. 
* (Firmus) ab imperli dicione descivit. XXIX 6, 3. Die alte Literatur über Firmus von Valesius zusammengesteUt bei 

Wagner III 302. Seine Geschichte ist mit gewohnter Meisterschaft dargestellt bei Gibbon chapter XXV (II 113 ed. Hf^^^^<^ 

1848). Gibbon hat schon mit Recht über die auch für Zeitbestimmung sehr empfindlichen Lücken der TextÜberlie^^x^tv^ ^^* 

Kapitels geklagt. 
° . . . ut . . . ipse Firmus ferox et saepe in suam pemiciem praeceps. XXVI 5, 41. 



38 V. Abhandlung: Max Büdinger. 

anderer Stämme an das Taciteische Vorbild gehalten habe. In den erhaltenen Büchern 
sind ähnliche Bemühungen des Nachweises für mich ohne nennenswerthen Erfolg geblieben. 

Das einzige dem Römerreiche nicht unterworfene Volk, welches Ammianus während 
seiner militärischen Dienstzeit in Frieden und Krieg genügend kennen zu lernen Gelegen- 
heit hatte, waren die Perser. In der That ist die Beschreibung, welche er von ihrer Natur 
und ihren Sitten an die, mit vielem Selbstgefühle^ eingeleitete, wesentlich einem nicht viel 
altem Geographen^ entlehnte, Landesbeschreibung des Perserreiches anschliesst, von 
sprechender Kunde und zweifelloser Glaubwürdigkeit.' Begonnen wird mit der ein- 
fachen Bemerkung, dass sich unter den von einander abweichenden und mannigfachen 
Bevölkerungen dieses Reiches auch Verschiedenheiten wie örtlicher Art so unter den 
Menschen finden. Geschildert wird uns aber schlechterdings nur die herrschende Classe 
der Perser mit ihrer mannigfachen Unzucht und ihrer grausamen Härte, namentlich gegen 
die Dienenden und Untergebenen im ganzen Reiche, ebenso mit ihren peinlich genau 
befolgten Anstands- und Kleiderordnungen, ihren inhaltarmen Gesprächen und ihrer un- 
ermüdlich geübten militärischen Thätigkeit; denn sie sind Krieger ,schärfster Art', ,vor 
ihrer Bewaflfhung hat es uns oft gegraust',* Anderwärts gibt er^ eine genaue Einzel- 
beschreibung der persischen, den ganzen Körper schützenden ehernen BewaflFnung, ihrer 
vollkommenen Fertigkeit im Bogenschiessen und ihrer, auch in dieser späten Zeit noch 
wirksamen Elefantenverwendung. Er hat Urtheilskraft genug, um ein, freilich vielleicht 
nicht echtes, literarisch-politisches Beispiel persischer Anmassung in einem an den Kaiser 
Constantius gerichteten Briefe Säpür's n. zu bringen,^ ,des Königs der Könige, Genossen 
der Gestirne, Bruders der Sonne und des Mondes' an seinen Bruder den Caesar Con- 
stantius, der denn auch mit entsprechendem Pompe antwortet. 

Ebenso ist er in Folge seiner militärischen Erfahrungen in der Lage, über diejenigen 
Araber authentische Kunde zu bringen, , welche wir jetzt Saracenen nennen'.^ Er hat sie 
als Mitkämpfer und als Feinde kennen gelernt, beschreibt ihre Eigenart mit heiterer 
Verwunderung, um schliesslich vor der , verderblichen Nation' zu warnen. 

Dieselben — vermuthlich theilweise oder auch meist entlehnten — Redewendungen, 
welche schon die Leetüre der saracenischen Sitten ganz angenehm gemacht hatten, ver- 
wendet er auch gelegentlich® bei der so oft nachgeahmten und zu einer Art classischer 
Berühmtheit gelangten Beschreibung von Natur und Sitten der Hünen. Er nennt sie ,die 
vielleicht schneidigsten Kriegsleute unter Allen'; das bedeutet wohl, dass er ihre Kriegs- 
leistungen über die der Perser stellt. Es wird mir nie einleuchtend werden, dass er 
selbst militärische Kunde von den Hünen gewonnen hätte; die Nachrichten über dieses 

^ Res adegit hnc prolapsa, ut in excessu celeri situm monstrare Persidis, descriptoribus gentium cnriose digestum e qnibus 
aegre vera dixere paucissimi XXUI 6, 1 mit curiosen Fehlern, etwa über Cyrus and Darins §. 7 und 8 und gar §. 24 über 
den Ursprung der Pest durch des Kaisers Verus Feldzug nach Babjlonien u. s. w., was man kürzer, doch aus ähnlicher 
Quelle, bei Capitolinus, Verus 8, 2 findet. 

' Gardthausen: conjectanea Ammianea 28 — 36 und ^Geographische Quellen' 3, 5, 10—14, 32 f. Nach den dortigen Aus- 
führungen 8. 16 ist die Vorlage wahrscheinlich zwischen 342 und 881 entstanden, spätere Daten sind von Ammianus nach- 
getragen. 

> XXUI 6, 75 bis 84 incl. 

* cum sint acerrimi bellatores . . . armaturae, quam saepe formidavimus 80 und 83. Michael, Die verlorenen Bücher (vgl. 
8. 3, Anm. 3) meint 8. 6 das handschriftliche formavimus mit unerhörter Bedeutung vertheidigen zu können. 

» XXV 1, 12 bis 16. 

* . . . literas quarum hunc fuisse accepimus sensum XVH 6, 2 zeigt doch, dass auch Ammianus seine Bedenken hatte. 
7 XXII 16, 2; das Folgende XIV 4, 1 bis 6. 

' Gardthausen, Geographische Quellen 8. 4 bringt hübsche Beispiele. Die Hunenschilderung : XXXI 2, 1 bis 12. 




Ammianus Marcbllinüs und die Eigenart sbinbs Gbbchichtswerkes. 39 

neue Volk, welche ihm, wie die zunächst gleichmässig folgenden über die Alanen, durch 
mündliche oder schriftliche Mittheilungen zugekommen sein werden und nur überarbeitet 
sein dürften, zeigen genügend, wie die Geschicklichkeit der Darstellung bei unsrem Autor 
allmählich gewachsen ist. 

Aehnlich dürfte es sich mit allem dem verhalten, was an Kämpfen, die Katastrophe 
von Adrianopel mit eingeschlossen, in dem letzten Buche enthalten ist. So wird man auch, 
was hie und da über Laster der Gothen eingestreut ist, nicht zu ernst zu nehmen und auf 
die erbitterte Phantasie der den Römemamen führenden Besiegten zurückzuführen haben. 

Wie man sich zu erklären haben dürfte, dass in den uns erhaltenen Theilen des 
Ammianischen Geschichtswerkes sich eigentliche zusammenhängende Schilderungen germa- 
nischer Stämme nicht finden, ist schon im Eingange dieses Paragraphen berührt worden. 
Seinem gleichsam religiösen Hasse gegen die Germanen Ausdruck zu geben, hat der Autor 
in der Schilderung von Valentinianus' Kämpfen gegen dieselben hinlängliche Gelegenheit 
genommen. Einzelne Redewendungen mit einer Verwerthung des Plural,* der hier römischer 
Majestät als solcher des Volkes gelten mag, legen nur die grundlose Versuchung nahe, 
unsren Autor als anwesend bei den unter Valentinianus L geführten Kriegen gegen die 
Germanen, speciell die Alamannen, zu denken. 

So hat er auch zum Jahre 357 in den begeisterten Bericht über des Caesar Julianus 
Sieg von Strassburg Schilderungen eingefügt von der erschütternden Wirkung alamannischer, 
von Kriegslust leuchtender Augen, flatternder Haare, tönender, Wasserwirbeln gleich 
schallender, Schlachtgesänge. Ammianus war aber während dieses Kampfes mit seinem 
Commandanten längst, wie er kurz vorher erzählt hat, nach Osten abgezogen.^ Und so 
verhält es sich bei den späteren Schilderungen von Gefechten mit den Westgermanen. 

Es gilt das namentlich von einer unter Valentinian's eigener Führung im Jahre 368 
unternommenen gefährlichen Expedition, welche mit einer Art Sieg vor dem Rückzuge 
endete, und bei welcher der Kämmerer mit des Kaisers kostbarem Helm sammt Futteral 
verschwunden ist.^ Mag sich auch Ammianus, mit Absicht oder nicht, den Schein der 
Anwesenheit bei diesem Feldzuge und anderen gegeben haben, zweifellos hat ihm auch 
bei diesem Theile seines Werkes Ehre und Sicherheit des römischen Reiches gegenüber 
den Germanen am Herzen gelegen. Da er, wie früher bemerkt, Valentinian keineswegs 
freundlich gesinnt war, so liest man um so lieber die warmen Worte der Anerkennung, 
welche er den ehrlichen Mühen dieses Kaisers widmet: , Grosses und Nützliches' schuf sein 
Geist: ,den ganzen Rhein von seinem Beginne in Rhaetien bis zu den Buchten des Oceans 
hat er mit grossen Bauten befestigt. Er widmete sich der Sorge für den Staat, wie es 
des Herrschers Pflicht entsprach*.* 

Noch wolle der Leser die Schilderung eines den Römern unterworfenen Volkes er- 
wägen. Der Geschichtschreiber war ein aufmerksamer Besucher Egyptens gewesen und 
hatte seine mannigfachen Beobachtungen zum Theile schon in zwei früheren Büchern 



^ Dahin gehört auch XXVII 10, 16: in hac dimicatione nostri qnoque oppetiere non contemnendi cet 

« XVI 12, 36 und 43. — XVI 10, 21. 

"... periculum, cui adeo proximus fait (Valentinianus), ut galeam eins cnbicularius ferens auro lapillisque distinctam cum 
ipso tegmine penitus interiret, nee postea vivus reperiretur auf interfectus. XXVII 10, 11. 

* At Valentinianus magna animo concipiens et utilia Rhenum omnem a Rhaetiarum exordio adusque fretalem Oceanum 
magnis molibus communiebat . . . reipublicae curam habuit, ut officio principis cong^ebat XX Vm 2, 1. 



40 V. Abhandluno: Max Bodinobr. 

seines Werkes mitgetheilt.* Die dritte, uns jetzt beschäftigende Darstellung des egyptischen 
Landes und Volkes, welche das letzte Achtel des zweiundzwanzigsten Buches einnimmt, 
beruht neben den Reise-Erinnerungen des Verfassers vornehmlich auf den Angaben des 
oben (S. 38) erwähnten Geographen, welche hier durch Einfügung der nach Theodosius' 
Söhnen Arcadius und Honorius genannten Provinzen Egyptens vermehrt wiu-den. Da der 
jüngere Sohn im Jahre 384 geboren wurde und 393 die Augustuswürde erhielt, so kann 
man zweifeln, welches von diesen beiden Jahren als das früheste der Abfassung dieses 
Theiles des Geschichtswerkes anzusehen ist. 

Die eigentliche Schilderung des egyptischen Volkes* ist verächtlichen Inhaltes und füllt 
wenige Zeilen. Vorher geht die bei der Prüfung von unsres Autors Verhalten zum 
Christenthume S. 14 f. eingehend erörterte Lobpreisung Jesu. 

§. 4. Täuschung mit einer Sonnenflnstemlss. 

Wiederholt haben wir gesehen," dass Leichtgläubigkeit und eine zu lebhafte Phantasie 
Ammianus' historiographische Urtheilskraft schädigen, wenn auch nicht zu bezweifeln ist, 
was er oft und unnöthig* versichert, er wolle nie wissentlich von der Wahrheit abweichen. 

Er meldet doch zum Jahre 360 Folgendes. Zur Zeit, da sein verehrter Commandant 
Ursicinus seiner Befehlshaberstelle enthoben wurde, haben ,in den Gebieten des Orientes 
(per eoos tractus) von dem Beginne der Morgenröthe bis zur Mittagszeit unaufhörlich die 
Sterne geleuchtet'.^ In unsres unvergesslichen , verewigten Oppolzer ,Canon der Finster- 
nisse*® ist aber der untrügliche Beweis verzeichnet, dass hier eine arge Uebertreibung vor- 
liegt. Am 28. August 360 fand allerdings eine Sonnenfinstemiss statt, bei welcher die 
ekliptische Conjunction um drei Uhr fünfundvierzig Minuten Nachmittags eintrat ; aber diese 
nur ringförmige Finsterniss fand statt unter 32 Grad nördlicher Breite und 56 Grad öst- 
licher Länge von Green wich, also weit östlicher als die eoi tractus des römischen Reiches; 
innerhalb der asiatischen Grenzen desselben war sie erkennbar, doch wie gesagt, nur Nach- 
mittags, und an ein Erscheinen der Sterne, wie bei einer totalen Sonnenfinstemiss ist über- 
haupt nicht, niemals an eine solche Erscheinung der Sterne von sechsstündiger Dauer zu 
denken, wie sie unser Autor geglaubt hat. Die totale Sonnenfinstemiss dieses Jahres 360, 
wieder an einem Nachmittage und zwar um 4 Uhr, hat am 4. März stattgefunden und ist 
nur in Australien sichtbar gewesen. Erst am 16. Juni 364 trat eine solche in den römischen 
tractus eoi ein. 

Ob für Ammianus eine Irreführung, Leichtgläubigkeit oder Phantasievorstellung zur 
Entschuldigung geltend gemacht werde : es ist eine Warnung für den Leser und den dieses 
Geschichtswerk benutzenden Forscher. 



^ Vg^l. oben im ersten Kapitel S. 3, Anm. 4, dann im dritten S. 14. Seine Anwesenheit in Egypten erwähnt er znerst 
X VU 4, 6 f. bei Anführung^ der Monumente, speciell der Obelisken yon Theben , dann mit dem oft citirten ,yisa pleraque 
narrantes* in XXII 15, 1. 

> XXII 16, 23. 

» Vgl. oben S. 26 bU 80. 

^ . . . summatim cansas perstringam nnsquam a veritate sponte propria digressunis. XIV 6, 2. — atcamqae potuimus veritatem 
scrutari . . . narraTimus ordine. XV 1, 1. — Thraciamm descriptio . . . opus yeritatem professom non juvat XX VU 4, 2. — 
. . . fallere non minus videtur, qui gesta praeterit soiens, quam ille, qui umquam (nicht: numquam) facta fingit XXIX 1, 16. 

° Eodem tempore per eoos tractus . . . a primo Aurorae ezortu ad usque meridiem intermicabant jugiter stellae. XX 3, 1. 

* Blatt 75, 150, 151 der Ikonographie im 52. Bande der Denkschriften nnsrer mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe (1887). 



Ammianüs Marcblunus und die Eigenart seines Gebchichtswerkss. 41 



Schluss. 

Der Autor und sein Geschichte werk werden voraussichtlich auch in Zukunft einen 
Platz unter den Förderern der Universalhistorie einnehmen. Unter den Historikern aller 
Zeiten dürften sich nicht viele nachweisen lassen, welche sich an Belesenheit in römischer 
und griechischer Literatur mit Ammianüs messen könnten. Mit einem erstaunlich starken 
Gedächtnisse ausgerüstet hat er in einer für seinen Stil nachtheiligen und für den Leser 
unbequemen Weise sprachliche EigenthUmlichkeiten von lateinischen Schriftstellern zur An- 
wendung gebracht, deren Reihenfolge mehr als ein halbes Jahrtausend einnimmt. Unter 
diesen findet sich auch derjenige, welchem er am meisten ähnlich sein wollte. 

Aber Tacitus hat er weniger in Satztheilen nachgeahmt, für welche er einen ohnehin 
mannigfaltigen Vorrath besass, als in der Gesammtordnuhg seiner Composition, in den 
Nachrufen für die Herrscher des Reiches, und dies im weitesten Sinne', endlich in den 
Anfangs- und Schlusssätzen seiner Bücher. Dass der gelehrteste seiner antiochenischen 
Landsleute, der gefeiertste Rhetor seiner Zeit, Libanios, erheblichen Einfluss auf ihn gehabt 
hätte, liess sich nicht nachweisen. Während seiner in früher Jugend angetretenen Dienstzeit 
hat dieser Marcellinus vielmehr bei tadellosem Lebenswandel und einer sokratischen Art 
von Bedürfnisslosigkeit seine Ausbildung selbst gefördert und reiche Erfahrungen mit 
scharfer Beobachtung an Menschen und Dingen gesammelt; er ist aber wahrscheinlich im 
Laufe des Jahres 364 bereits aus dem activen Militärdienste geschieden. Stets hat er seiner 
überkommenen heidnischen, mit Philosophemen durchsetzten Religion . Treue bewahrt, be- 
sonders hat er seine Ueberzeugungen von der Schicksalsmacht ausgebildet, daneben dem 
Christenthume eine nie unfreundliche, zuweilen bewundernde Haltung bewahrt, den christ- 
lichen Kulten, Gemeinden, Vorständen und Zwistigkeiten gegenüber unabänderlich den Ge- 
sichtspunkt des staatlichen Interesses festgehalten, welches ihm in unbedingter Hingabe an 
die kaiserliche Gewalt gipfelt und Hass gegen die gefährlichen Germanen zu einer Art 
religiöser Pflicht macht. Die Prüfung seiner historiographischen Urtheilskraft hat zunächst 
den grossen Nachtheil ergeben, dass er von der christlichen Universalhistorie seines Jahr- 
hunderts, welche ihm so Vieles bieten konnte, keine Notiz nahm; er hat sich aber doch 
in einer, wenn gleich oft pedantischen, doch immer instructiven Weise bei Vorführung von 
wichtigen Männern und Völkereigenthümlichkeiten bewährt, obwohl er es nicht unterlassen 
mag, ihm interessant scheinende Dinge ganz femliegender Art oft und unerwartet zu be- 
schreiben. Leichtgläubig und für alles Wundersame mit seiner lebhaften Phantasie ein- 
genommen führt er, während seine Absichten die besten sind, doch das Vertrauen des Lesers 
nicht selten irre. 

Alles in Allem tritt uns die Erscheinung dieses letzten heidnischen, lateinisch schrei- 
benden Historikers als einzig in ihrer Art und scharf umrissen entgegen. 



Denkschriften der phil.-liist. Glosse. XLIY. Bd. Y. Abb. 6 



42 V. Abhandlung: Max BOdinqer. 



Anhang. 

Ante omnes sospitator ille Ammiani Marcellini Henricus Valesius nennt ihn mit Recht 
der neueste Herausgeber Gardthausen I, p. XXV. Dieses Valesius, französisch: Valois, 
Vorrede von 1636 bringt derselbe in der seinigen als eine Art Einleitung, jedoch ohne 
den charakteristischen, kaum vier Druckseiten umfassenden Schluss. Man findet denselben 
in der keineswegs musterhaften, dreibändigen, 1808 erschienenen Edition von Jo. Augustin 
Wagner, welche dessen Freund Gottlob Erfurdt nach Wagner's Tode vollendet hat: I, 
p. LXXX bis LXXXIV. Zwecklos ist vor dieser inhaltreichen Vorrede die, von Heinrich 
Valois' Bruder Hadrian der 1681 auf Colbert's Befehl erschienenen zweiten Auflage, vor- 
gesetzte Einleitung von Wagner-Erfurdt I, p. XXXV bis LXXK noch einmal abgedruckt 
worden. Was von diesem zu halten sei, ist doch hinlänglich in derselben Wagnerischen 
Vorredensammlung aus Jakob Gronovius' Feder vom 18. November 1692, S. XXIH zu er- 
sehen: Utique quum Parisiis versarer, non audivi Hadrianum talem fuisse, qui mentiri non 
posset. Um so anerkennender spricht er vorher von dem Bruder: vir numquam sine 
honore nominandus divine Ammianum expoHvit. Diese Vorrede Gronov's S. I bis XXXIV 
ist noch heute lesenswerth, auch in der eingehenden Polemik gegen Hadrian Valois' prahle- 
rische und fehlerhafte Edition S. XI bis XXIII, obwohl die dann folgenden eigenen Ver- 
besserungen nicht immer glücklich und öfter gegen beide Valesius gerichtet sind, auch die 
letzte Seite eine wenig anmuthige Selbstberühmung enthält. Nicht zutreffend urtheilt aber 
Gardthausen p. XXV über Gronovius, dass er nur die Gelegenheit ergreife, seine Vor- 
gänger und besonders beide Valois zu tadeln; ein Blick auf die Berühmung von Linden- 
brog und Heinrich Valois (S. XI) berichtigt den Vorwurf. 

Ich füge einige Bemerkungen über die drei anderen von Wagner abgedruckten Vor- 
reden bei. Unter diesen zeigt die älteste, die Friedrich Lindenbrog's (von 1609) auf ihren 
wenigen Seiten CXXIII bis CXXV das Verdienst, über Ammian's Stil ein kurzes, zu- 
treffendes Urtheil gefällt zu haben (p. CXXIV), und mindestens zwei seiner Sätze behalten 
ihren Werth: durus ille quidem et asper, si cum Augusti aevo conferatur; at vero ornatus 
et suas habens veneres, si posteriora tempora et saeculum auctoris originemque eins et 
sectam spectes. Qui cum Graecus natione esset et castra sequeretur, castrensi, immo aulica 
quoque dictione usus est. Fraglich ist, ob der folgende Satz sich erweisen lässt: Nam et ipsi 
imperatores et qui in comitatu eorum elegantiores videri volebant, ita tum loquebantur. 

Nach der Biographie universelle erschien erst nach Lindenbrog's Edition und Vorrede, 
nämlich im Jahre 1627 und in Löwen, die Abhandlung des schon 1580 verstorbenen 
Professors der Universität D6le: Claude Chifflet aus Besanijon ,de Ammiani Marcellini vita 
et libris rerum gestarum jiovoßtßXtov*, welche bei Wagner I, p. LXXXV bis CXXII wieder 
abgedruckt ist. Selbst Jurist, berühmt er: ut vir studiorum gloria nobilissimus Jacobus 
Cujacius I. C. praeceptor et amicus noster docuit (p. CXVIII); der grosse Name wird 
freilich bei einer der irrigen Vermuthungen Chifflet's citirt, welche spätere Aemter Ammian's 
beweisen sollen, auch ein christliches Bekenntniss und ein Fehlen des 31. Buches, da das 



AhMIANüS MARCBUilNUS UKD DIB ElGSNABT SBINB8 GbSCHICHTSWERKES. 43 

erhaltene das 32. sein müsse. Diese Lehre von einem zweiunddreissigsten Buche ist nur von 
dem oben gewürdigten Hadrian Valois p. LI und neuerlich von Michael (vgl. oben S. 5, 
Anm. 3) acceptirt worden. Aber Chifflet bringt auch treflfende Beobachtungen wie p. XCI: 
ob Ammianus als protector domesticus oder in anderer militärischer Würde in dem per- 
sischen Feldzuge unter Julian diente, sei zweifelhaft: ab omni enim vanitatis ac jactantiae 
suspicione abest longissime Ammianus, dann CIV bis CVI die Uebereinstimmung seiner 
Klagen mit den bei den christlichen Autoren erhaltenen. 

C. Gr. Heyne's p. CXXVI bis CXXXVIII abgedrucktes Programm der Stiftungsfeier der 
Georgia Augusta vom 31. August 1802 bietet weniger, als man von dem gefeierten Namen 
erwartet; p. CXXVIII, Anm. 1 liest man gar über Tacitus' Benützung: nulla fit memo- 
ratio . . . neque uUum aut lecti aut imitatione expressi vestigium occurrit. Eben hier 
Anm. 2 verweist Heyne im Allgemeinen auf Chifflet's Libellus. 



6* 



44 V. Abh.: Max BüDiNaBB. AmmianÜs Margellinus und dib E^gsnart bbinbs Geschightswbrkes. 



INHALTSVERZEICHNISS. 



% 



Seite 

Vorwort 1 

Erstes Kapitel. Tacitus' Nachahmung 1 — 4 

Zi^eites Kapitel. Verhältniss zu Libanios 4—10 

Zu Ammian's Biographie 6 — 9 

Drittes Kapitel. Ammianus' religiöse Haltung 10—22 

§. 1. Stand der Frage 10 

§. 2. Heidnische Ueberzeugungen 10 — 12 

§. 3. Sittenreinheit 12—13 

§. 4. Verhalten zum Christenthume 13 — 20 

a) Urtheile über den christlichen Glauben 13 — 15 

b) Urtheile über christliche Parteiungen und Schwächen 15 — 20 

f^curs über das Verfahren gegen Liberius und Athanasius 15 — 17 

Die Erwählung des Papstes Damasus 1 18 — 20 

§. 5. Das Walten der römischen Monarchie 20—21 

§. 6. Der Kampf gegen die Germanen 21 — 22 

Viertes Kapitel. Kriegsdienst 23—30 

§. 1. Nationalität 23—24 

§. 2. Dienstzeit 24-26 

§. 3. Bedenkliche Erlebnisse 26—30 

Fünftes Kapitel. Historiographische Urtheilskraft 30—40 

§. 1. Zwei christliche Vorgänger . 30—32 

§. 2. Personalschilderungen 32—37 

§. 3. Völkerschilderungen 37—40 

§. 4. Täuschung mit einer Sonnenfinsterniss 40 

Sohluss 41 

Anhang 42 



Ausgegeben am 21. Juni 1895. 



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